Bürgi-Symposien Lichtensteig

Das 2. Internationale Jost-Bürgi-Symposium
findet im Jahre 2018 am Samstag 14. April von 9:15 bis 13:00 Uhr im Kronensaal in Lichtensteig statt. Der Schwerpunkt wird auf der Astronomie liegen. Jost Bürgi schuf die Voraussetzungen, dass Johannes Kepler den elliptischen Verlauf der Planeten um die Sonne erkennen und berechnen konnte. Noch heute bedienen sich Astronomen und Astronauten Prinzipien, die Jost Bürgi in der Schaffung seines damals genauesten Modells des Kosmos aufgrund seiner vier Kernkompetenzen beherrschte und zu einer lückenlosen Prozesskette verband. Dazu gibt es an diesem Symposium Neues zu berichten: von Bürgi selbst durch eine Neuentdeckung, und von zwei Koryphäen der aktuellen Raumfahrt und Astronomie. 

Nach Beendigung des offiziellen Symposiumsprogramms wird am selben Ort das dreiteilige TV-Doku-Drama von Michael Havas über Jost Bürgi - mehrfach ausgezeichnet in den USA und Japan - mit dem Titel "Himmel hab' ich vermessen ..." vorgeführt. Es besteht aus drei halbstündigen Teilen.

Am Vortag, Freitag, 13. April 2018, erfolgt am gleichen Ort um 14 Uhr eine Medienorientierung mit anschliessendem Workshop interessierter Bürigianer zu verschiedenen Themen.  Die Diskussion am Symposium und den Workshop betreuen Dr. Bernhard Braunecker und Prof. Dr. Peter Ullrich.

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RÜCKBLICK
Das 1. Internationale Jost-Bürgi-Symposium
mit Experten aus aller Welt fand am Samstag, 19. März 2016 im Kronensaal in Lichtensteig statt. Zweihundert Intereressenten folgten den Ausführungen einer international hochkarätigen Gruppe von Fachleuten mit Schwerpunkt Mathematik.
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ZUFRIEDENE HOCHKARÄTIGE MATHEMATIK-REFERENTEN
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ES FOLGEN DIE PRÄSENTATIONEN VON DR. DIETER LAUNERT, PROF. DR. PETER ULLRICH, ASSOC. PROF. DR. KATHLEEN CLARK, PROF. DR. JÖRG WALDVOGEL UND DR. HANS BÜCHLER

SIEHE AUCH KAPITEL BÜRGI PUBLIKATIONEN.
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Im Jahre 1586/87 weilte der spätere kaiserliche Mathematiker Nicolaus Reimers Ursus bei Jost Bürgi in Kassel. Die beiden wurde enge Freunde. Sie hatten gleiche Interessen, Mathematik und Astronomie, und gleichen Bildungsweg: Beide haben kaum eine Schulbildung, beide haben nie eine Lateinschule oder eine Universität besucht, beide haben sich ihr Wissen autodidaktisch angeeignet.

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Hier in Kassel lernt Ursus viel von Bürgis mathematischem und astronomischen Wissen. Ursus dankt ihm dafür mit der Übersetzung der De Revolutionibus von Copernicus ins Deutsche, denn Bürgi beherrschte kein oder nur sehr wenig Latein; Ursus hatte dies im Alter von 18 Jahren autodidaktisch gelernt.


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Und hier in Kassel entsteht in Zusammenarbeit mit Ursus Jost Bürgis Fundamentum Astronomiae. Dass Ursus daran mitarbeitete und dass er den Inhalt also genau kannte, erschließt sich aus den vielen, auch längeren lateinischen und griechischen Passagen. Dieses Werk, in schöner Handschrift, widmet Bürgi Kaiser Rudolph II., er überreicht es ihm bei seinem Besuch in Prag im Juli 1592.

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Ein Jahr später, 1588 in Straßburg, veröffentlicht Nicolaus Reimers Ursus sein Fundamentum Astronomicum, das im Titel und im Inhalt mit Bürgis Schrift große Ähnlichkeit hat, das aber in der Anordnung und in der methodischen Aufarbeitung eigenständig ist.
In diesem Buch schildert Ursus ebenso wie Bürgi das Rechnen im 60-er System, das Erstellen einer Sinustafel, das Lösen aller sphärischen Dreiecke am Himmel, und weitere eigene Sachverhalte. In diesem Büchlein im Oktavformat erregte jedoch eine Abbildung und der dazugehörige Text besonders große Aufmerksamkeit in der damaligen Fachwelt: Das große Rätsel um Bürgis „Kunstweg“!

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Diese Zeichnung stellt Bürgis Rechenverfahren dar, den rechten Winkel in beliebig viele Teile zu teilen, und zwar auf einem völlig neuen, algebraischen Weg, nicht mehr durch Vielecke, die in einen Kreis einbeschrieben werden, wie es seit rund 2000 Jahren üblich war. Allerdings sind der Text, den Ursus dazu liefert, und die Zeichnung selbst, absichtlich so rätselhaft dargestellt, dass keiner seiner Zeitgenossen, und auch niemand bis in unser Jahrhundert, das Verfahren verstehen und das Rätsel entschlüsseln konnte.
Wegen des Zeilenversatzes in der Zeichnung und wegen der kürzer werdenden Zahlen, durch die Punkte angedeutet, kann man auf ein Differenzenverfahren schließen. Man kann vermuten, dass man von der linken Spalte aus beginnend jeweils Differenzen bildet, wodurch die Zahlen stets kleiner und kürzer werden, bis zum Schluss die rechte Spalte konstant ist. Aber diese Vermutung ist völlig falsch.
Auch Christoph Clavius (1538-1612), hochgelehrter Jesuit in Rom, war sehr an diesem Rechenverfahren interessiert, aber auch er konnte das Rätsel nicht lösen, und er erhielt auch von Ursus keine die Lösung angebende Erklärung. Und Kepler, der ja mit Bürgi in Prag zusammengearbeitet hatte, behauptete von sich, das Verfahren nicht zu kennen. Fritz Staudacher vermutet in seiner Bürgi-Biographie jedoch, dass auch Kepler wie schon vor ihm Ursus gegenüber Bürgi ein Schweigegelöbnis gegeben hatte und das Verfahren nicht verriet. So blieb das Rätsel um Bürgis „Kunstweg“ von 1588 bis 2015, also 427 Jahre lang, ungelöst, bis Menso Folkerts in Breslau die oben genannte Handschrift Bürgis auffand und mich bat, diese zu edieren.
In dieser Schrift beschreibt Bürgi seinen sogenannten „Kunstweg“, er selbst nennt ihn „Artificium“. Es ist also das Verfahren zur Teilung des 90°-Winkels in beliebig viele Teile. Bürgi selbst beschreibt ihn wie folgt: „Eine sehr ersehnte Aufgabe, die meine eifrige Überlegung offenbart, wie sie noch nie gesehen wurde und die es vorher nicht gegeben hat.“ Mit dem bei Bürgi angegebenen Zahlenbeispiel gelang es mir, sein großes Rätsel zu entziffern. Die Rätseldarstellung bei Ursus und die Entzifferung liest sich wie folgt:
- „Nachdem man ebenso viele Zahlen nach Belieben gesetzt hat, in wieviele Teile der rechte Winkel geteilt werden soll ...“. Dies bezieht sich auf die erste Spalte ganz rechts, die im Ursus-Druck ja leer ist. Man setzt von oben nach unten beliebige Zahlen, zum Beispiel die Zahlen 0, 2, 4, 6, 7, 8, 9, 10, 11, 12; also außer der Null 9 Zahlen, weil man den rechten Winkel dann in 9 Teile teilen will. Die Folge der Startzahlen ist zwar beliebig, man kann auch mit einer „unsinnigen“ Reihenfolge beginnen, aber mit einer „guten“ Startzahlenfolge ergeben sich schneller genauere Werte für die 9 Sinuszahlen. Entscheidend zur Lösung des Rätsels ist, dass man von rechts nach links beginnt, und die Startzahlen in die rechte Spalte einträgt, was unser normalen Leserichtung zuwider ist.


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- Der zweite verwirrende Satz bei Ursus ist: „Die umgedrehte 5 wird ersetzt durch die Differenz zwischen dem letzten und vorletzten Teil.“ Die „umgedrehte 5“ ist der Kern des Rätsels. Ursus fügt später hinzu, dass diese umgedrehte 5 die linke Hälfte des letzten Buchstabens des griechischen Alphabets Ω darstelle. Bürgi erläutert nun in der hier edierten Handschrift ganz einfach, dass man von der zuletzt gesetzten Startzahl (deshalb letzter Buchstabe des griechischen Alphabets) die Hälfte zu nehmen habe und in die Spalte links davor setzen solle. Damit kann nun das Rechnen beginnen.


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- Die Spalten werden von rechts nach links gezählt! Und schrittweise von unten nach oben die Summen eingetragen, bis ganz nach oben, bis diese Spalte voll ist. In die oberste Zeile der Spalte 2 kommt eine Null. Dann werden wieder, jetzt von oben nach unten, die Summen berechnet. Damit sind die ersten Näherungswerte für die Sinuswerte, bei Bürgi für 10°, 20°, ..., 80°, 90° bestimmbar. Es mag alle Forscher bisher auf eine falsche Fährte gelockt haben, dass in den Ursus-Texten stets von Differenzen statt von Summen die Rede ist. Wenn man die fertige Tabelle aber von links nach rechts ansieht, so handelt es sich natürlich um Differenzen.
- Für den zweiten Näherungswert der Sinuswerte, der in Spalte 3 erscheint, wird das Verfahren wiederholt. Es wird zuerst wieder von der untersten Zahl in Spalte 2 die Hälfte genommen, dann wieder halbversetzt die Summen gebildet, zuerst aufwärts, dann wieder abwärts für die Spalte 3, wobei diese oben wieder eine Null erhält. Damit kann man nun mit den Werten der Spalte 3 die zweiten Näherungen der 9 Sinuswerte berechnen. Bürgi rechnet allerdings im Hexagesimalsystem (60er-System), was die Rechnung für uns etwas unanschaulicher macht.
Die Zahlen in diesen Spalten stellen noch nicht direkt die gesuchten Sinuswerte dar, man muss die Zahlen noch „auf den Radius beziehen“, der sich, jeweils unterschiedlich, in der letzten Zeile bei 90° ergibt. Die eigentlichen Sinuswerte muss man also errechnen durch Division der Zahl in einer Sinuszeile durch die Zahl in der 90°-Zeile. So muss man zum Beispiel für sin 10° den in Spalte 5 errechneten Wert 2.235.060 dividieren durch die errechnete Zahl für 90°, nämlich 12.871.192; [man erhält sin 10° = 0,173.648.25 statt 0,173.648.18, eine Abweichung von nur 0,00004%].
Bürgi hat diese Werte hier nur zur Erklärung des Verfahrens vorgerechnet. Für seine fertige Sinustabelle hat er bis zu Spalte 8 weiter gerechnet und erhält dann sin 10° = 79.676.988.639 : 458.841.489.998 = 0,173.648.177.80 statt 0,173.648.177.67; auf 9 Stellen genau.



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Fritz Staudacher hat für seine Jost-Bürgi-Biographie dieses Verfahren visualisiert, wodurch der Rechenweg anschaulich wird.




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Bürgis Rechenverfahren erkennt Prof. Andreas Thom als wiederholte Multiplikation einer festen Matrix M mit den Spaltenvektoren, zuerst mit dem Startvektor S1, dann mit den errechneten Sinusvektoren S2, S3, ... Und er beweist in moderner Form, dass dieses Verfahren immer funktioniert, unabhängig von der Wahl der Startzahlen. Bei wiederholter Anwendung der Matrix M ergibt sich eine Folge von Vektoren, die zu eben den Sinuswerten konvergiert.



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Zusammengefasst: Für seine Sinustabelle berechnet Bürgi zuerst mit dem „Kunstweg“ alle Sinuswerte der ganzen Grade, also von 1°, 2°, 3°, ..., 89°, 90°. Er teilt somit den rechten Winkel in 90 Teile und hat damit das Gerüst für die Sinustabelle.
Die Werte für die einzelnen Minuten dazwischen findet er durch eine geniale Interpolation, wobei nun das sogenannte Differenzenverfahren zum Zuge kommt, die zweite geniale Neuerung in dieser Arbeit Bürgis, nach dem eigentlichen „Kunstweg“. Bürgi hatte nämlich erkannt, dass die zweiten Differenzen der Sinuswerte gut proportional zu einer festen, dd genannten, Differenz sind, und dies umso besser, je näher die Sinuswerte beieinander liegen, was bei einer Schrittweite von 1´ zutrifft.



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Somit kann er dann die übrigen Minutenwerte wie folgt finden:
Tetraederzahlen. Bürgi kennt die Summenformel für ∑k·(k+1):2 = (n-1)·n·(n+1):6 und für die Dreieckszahlen ∑k = n·(n+1):2.

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Schließlich die fertige Sinustafel! Hier im Fundamentum Astronomiae gibt Bürgi die Sinuswerte mit einer Schrittweite von 1´ an, und zwar auf 5 bis 7 Hexagesimalstellen genau; das entspricht etwa 8 bis 11 Dezimalstellen. Eine solch enorme Rechenleistung wird durch Bürgis geniales Verfahren wesentlich verkürzt, ist aber immer noch sehr bewundernswert.




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Die Steigerung der Stellenzahl bei 88° und 89° ist notwendig, da die Sinusfunktion bei hohen Gradzahlen sehr flach verläuft und sich dadurch die Sinuswerte erst in höherer Stellenzahl unterscheiden.
Bisherige Sinustabellen waren oft fehlerhaft errechnet, auch weil sie Multiplikationen und das Wurzelziehen benötigten, hingegen braucht Bürgi für seinen „Kunstweg“ nur Additionen und Halbierungen, die wesentlich einfacher und sicherer zu rechnen sind. Das Verfahren hat zusätzlich den Vorteil, dass es quasi automatisch Rechenfehler kompensiert, dass es gegen Rechenfehler „immun“ ist.
Das Auffinden von Bürgis Handschrift mit der Sinustafel durch Menso Folkerts in der Universitätsbibliothek Breslau (Wrocław) bedeutete eine erste Sensation für die Wissenschaftsgeschichte der frühen Neuzeit. Dadurch konnte das Rätsel um Bürgis «Kunstweg» gelüftet werden. Als eine zweite Sensation möchte ich es bezeichnen, dass ein Zeitgenosse Bürgis dessen «Kunstweg» entschlüsselt oder gekannt hat.


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Auf einem Einlageblatt im Exemplar des Fundamentum Astronomicum von Ursus in der Universitätsbibliothek Leiden ist Bürgis Kunstweg-Schema, durchgerechnet. In der Mitte des Blattes ist der Name «H. Briggs» eingetragen, womit Henry Briggs (1561–1630) genannt wird, der ja als Miterfinder der Logarithmen gilt. Fritz Staudacher vermutet, wohl zu Recht, dass Henry Briggs Bürgis Verfahren über John Dee erhalten hatte, der ja 1589 in Kassel weilte und dort Bürgis „Kunstweg“ erfahren haben wird.

Bürgis Sinustafel und diese Arbeit überhaupt sind leider nie gedruckt worden. Vielleicht hat der Kaiser die Bedeutung der Arbeit nicht erkannt, um sie drucken zu lassen. Allerdings hat Bürgi später noch eine große Sinustabelle errechnet, mit einer Schrittweite von 2´´ und einer Genauigkeit von 8 Hexagesimalstellen, etwa 13 Dezimalstellen. Diese Sinustafel enthält 30-mal so viele Sinuswerte wie die hier edierte, sie ist leider nach wie vor verschollen.




ES FOLGT DIE PRÄSENTATION VON  PROF. DR. PETER ULLRICH

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DER ANSCHLIESSENDE VORTRAG WURDE ANHAND DIESER SLIDES VON FRAU ASSOC. PROF. DR. KATHLEEN CLARK, THE FLORIDA STATE UNIVERSITY, GEHALTEN.  AM VORTAG DES 1. LICHTENSTEIGER BÜRGI-SYMPOSIUMS IN ZÜRICH UND ETWAS AUSFÜHRLICHER AM 19. MÄRZ 2016 IN LICHTENSTEIG.   


KATHLEEN CLARK: In English-language resources, references to Bürgi’s contribution to developing the concept of logarithims are typically outdated and often only serve as a footnote to the more well known scholarship on John Napier and his published works on logarithms. However, an edition of Bürgi’s Aritmetische und Geometrische Progreß Tabulen has existed since 1856 (Gieswald). It was the goal of Kathleen Clark to present a copy of the Graz version of this manuscript in English, and to carefully examine Bürgi’s instruction of 26 examples, which simply and elegantly exhibit the underlying principles of a logarithmic relation. In this presentation Kathleen Clark I will focus on a few differences in examples and their presentation between the Graz and Gdansk manuscripts.

(German translation) In englischsprachigen Suchmaschinen und Verzeichnissen sind Referenzen über Bürgis Beitrag zur Entwicklung des Konzeptes der Logarithmen häufig veraltet. Diese sind vielfach nur eine Fussnote zum wesentlich besser bekannten Mathematiker John Napier und seiner zum Thema Logarithmen veröffentlichten Werke. Dabei lag seit 1856 durch Gieswald eine Veröffentlichung von Bürgis Aritmetische und Geometrische Progreß Tabulen vor. Frau Prof- Dr. Kathleen Clark von der Florida State University. Sieh hatte mir das Ziel gesetzt, eine Kopie der Grazer Version dieser Handschrift in Englisch zu erstellen und anschliessend Bürgis Anweisungen der 26 Rechenbeispiele sorgfältig zu prüfen, welche auf einfache und elegante Weise die zugrundeliegenden Prinzipien einer logarithmischen Relation aufzeigen. In meiner Präsentation konzentriere ich mich auf einige Unterschiede in den beiden Grazer und Danziger Manuskripten sowie ihrer Darstellung. 
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HIER FOLGT DIE PRÄSENTATION VON HERRN PROFESSOR DR. JÖRG WALDVOGEL (ETH ZÜRICH).
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Fassung vom 29.1.2016


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ZU BEGINN DER VERANSTALTUNG PRÄSENTIERTE 

Dr. Hans Büchler, Wattwil,
Präsident der Jost-Bürgi-Gedächtnis-Stiftung,
in Lichtensteig am 19. März 2016
einige Gedanken als Einstimmung.


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Geschätzte Damen und Herren aus Wissenschaft und Kultur,
Als Jost Bürgi am  28. Februar 1552 in Lichtensteig geboren wurde, waren gerade 53 Jahre seit dem Schwabenkrieg und dem darauf folgenden Austritt der Eidgenossenschaft aus dem Deutschen Reichsverband vergangen. 37 Jahre zurück lag die verheerende Niederlage der Eidgenossen bei Marignano und die Überzeugung, Nichteinmischung in fremde Händel sei die bessere Aussenpolitik als Raufereien in ganz Europa. 28 Jahre vor Bürgis Geburt hatte die Reformation in Zürich begonnen und nach 7 Jahren mit dem Tod Zwinglis geendet. Der Streit um die richtige Konfession hatte die Eidgenossenschaft in zwei Lager gespalten. Der lockere Staatenbund mit seinen souveränen Territorien erstarrte für zweieinhalb Jahrhunderte im bestehenden Zustand.


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Karte des Toggenburg

Die Landschaft Toggenburg war 1468 von den Erben der ausgestorbenen Grafenlinie an die Abtei St. Gallen verkauft worden. Der neue Herr war geistlicher Fürst im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation und Bündnispartner der Eidgenossen. Das Territorium umfasste zur Zeit Bürgis etwa 8'000 Einwohner in 25 Gemeinden von Wildhaus bis Flawil (heute rund 80'000). Das Städtchen Lichtensteig, 1228 erstmals erwähnt, lag in der Mitte des rund 50 Kilometer langen Tales und wurde von den Fürstäbten zum Verwaltungssitz erhoben. Seine Bewohner gehörten  politisch weder zu den Stürmern noch zu den Unterwürfigen. Vorsichtig abwartend und abwägend bewahrten sie ihre Privilegien. Erinnern uns diese Eigenschaften nicht an Jost Bürgi?

 
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Die Kirche des Städtchens war schon 1435 Mittelpunkt einer selbständigen Pfarrei. Für unseren Jost Bürgi mag bedeutsam gewesen sein, dass am romanischen Glockenturm 1534 eine Turmuhr oder „Zit-Glogge“ eingebaut wurde, die von seinem Vater, dem Schlosser Lienz Bürgi, unterhalten werden musste. Auch eine Sonnenuhr war am Turm angebracht. 

Der Reformator Huldrych Zwingli hatte sich seit 1524 persönlich bemüht, seine Landsleute im Toggenburg für die Reformation zu gewinnen. Landweibel Lienhard Bürgi, Jost Bürgis Grossvater, wurde zum überzeugten Anhänger der Reformation. Nach der Niederlage und dem Tod Zwinglis bei Kappel kehrten viele Reformierte – nicht aber die Familie von Jost Bürgi - zum alten Glauben zurück. Dem St. Galler Abt als Landesherr gelang es in der Folge nicht, den Grundsatz „Cuius regio, eius religio“ (der Fürst bestimmt die Religion der Untertanen) durchzusetzen. Im Toggenburg musste er paritätische, d. h. gleichberechtigte oder simultane Verhältnisse der beiden Glaubensparteien tolerieren. Paritätisches Denken setzte sich in allen Bereichen durch: bei der Nutzung der Kirche, in der Besetzung von Ämtern, bei der Wahl militärischer Führer. Auf der Nachtwache lief stets ein katholischer und ein evangelischer Wächter seine Runde und selbst die Kühe wurden paritätisch gehütet. Wer die andere Religion beschimpfte, musste mit scharfer Strafe rechnen. Liegt wohl in dieser erzwungenen Toleranz die Antwort auf die Frage, warum es Jost Bürgi gelang, mit Fürsten und Kaisern beider Konfessionen zu kommunizieren?

Das Stadtbild und die Verhältnisse in Lichtensteig zur Jugendzeit Bürgis waren einfach.

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Als Ursprungszelle des Städtchens hat man sich ein festes Haus des Grafen am höchsten Platz des Städtchens neben dem neuen Rathaus vorzustellen.

 
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Von diesem führen zwei Mauerarme zum Untertor, dicht dahinter ein Ring von Riegel- und Steinhäusern als befestigte Anlage. Der leere Raum wird gebraucht für Gemüsegärten, Ställe, Speicher und die einzige Gasse, welche das Unter- mit dem Obertor verbindet. Wall und Graben knapp vor dem heutigen Häuserring existierten zur Zeit Bürgis noch, wurden jedoch militärisch zwecklos und verfielen. Mit dem aufkommenden Handwerk entwickelte sich der Wochenmarkt.  Viele Bürger hielten sich eine Kuh für den häuslichen Milchbedarf, die morgens auf die nahe gelegenen Weiden vor der Stadt getrieben wurde.


 
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An der einzigen Gasse entlang entstehen zu beiden Seiten Häuser mit gedeckten Arkaden für den Markt bei jedem Wetter.

In Bürgis Jugendzeit entstanden auch zwei Hintergassen: Die eine wird die Leuengasse sein,


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durch die andere fliesst in einem „Ehgraben“ das Abwasser zum Kottobel.   


   
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Die älteste Darstellung..

Über Jahrhunderte hinweg hat sich das Leben in der Kleinstadt Lichtensteig nur wenig verändert. So gilt die früheste bildliche Darstellung Lichtensteigs – auch wenn sie erst um 1750 gezeichnet worden ist, weitgehend noch für Bürgis Jugendzeit.

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Das berühmte Aquarell aus der Zeit um 1800 zeigt die alte Mühle, die von den frühesten Bürgi betrieben wurde. Oben tronte die paritätische Kirche. Nahe dabei stand die Schule, in der 1560 ein Christen Schmalzholz – so hiess er tatsächlich!  - unserem Jost Bürgi das ABC beigebracht hat. Aber offenbar nicht viel mehr. Jost Bürgi beklagte sich später: „Weil mir aus mangel der Sprachen die thür zu den authoribus nit allzeit offen gestanden wie andern, hab ich etwas mehr, als etwa die gelehrte und belesene, meinen eigenen gedankcken nachhängen und neue Wege suchen müssen“.

Die etwa 400 Bewohner lebten vom Handwerk für den alltäglichen Bedarf einer ländlichen Bevölkerung, vom Markt und dem damit verbundenen Gastgewerbe sowie vom Dienst in der fürstäbtischen Verwaltung. Es gab eine grosse Vielfalt von Berufen, aber keine Zünfte. Gewisse von ihnen waren „geschenkt“, d. h. von der Obrigkeit geschützt und auf bestimmte Orte beschränkt. Dazu gehörten auch die Berufe im Umgang mit Feuer und einer Esse, darunter der des Schlossers, der von Jost Bürgis Vater und anderen Bürgi-Verwandten ausgeübt wurde.


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Nicht zufällig befand sich Jost Bürgis Wohnort „vor dem Untertor“, wo ein Brand weniger Unheil anrichten konnte.



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Nach einem Eintrag im Ratsbuch zog 1568 erstmals ein Goldschmied, David Widiz aus Augsburg, ins Städtchen. Da er über persönliche und berufliche Beziehungen zu katholischen Amtsleuten in der Abtei St. Gallen und nach Augsburg verfügte, dürfen wir heute annehmen, dass er dem talentierten Jost Bürgi die Türe zum Beruf des Goldschmieds, zu einer Karriere im Deutschen Reich und zu wissenschaftlichem Erfolg geöffnet hat.

Die Bürgi sind seit 1460 in Lichtensteig fassbar. Beruflich erscheinen sie in Ratsprotokollen als Müller, Schlosser, Schmiede und Wirte, haben aber auch Schultheissen des Städtchens und Landweibel des Toggenburgs hervorgebracht. Nach seinem Wegzug als etwa 16-Jähriger kehrte Jost Bürgi nie mehr dauerhaft zurück. Am Ort lebte noch eine Schwester und deren Ehemann, der sich um Jost’s Hausbesitz kümmerte. Der Stamm der männlichen Bürgi starb 1921 aus.