"Niemands Tochter" und François Mitterrand in Rothenburg ob der Tauber



Vor eineinhalb Jahrzehnten erschien im Hamburger Verlag Hoffmann & Campe ein Buch mit dem rätselhaften Titel "Niemands Tochter - auf den Spuren eines vergessenen Lebens". Mit seither über einer Viertelmillion verkauften Exemplaren ist es eines der bekanntesten literarischen und gleichzeitig dokumentarischen Werke der Zeitgeschichte. Der Autor Gunter Haug beschreibt in diesem von der "edition.inspiration" betreuten Bestseller den Lebensweg seiner Grossmutter, einer  auf einem fränkischen Bauernhof aufgewachsenen und später in Rothenburg ob der Tauber neun Kinder erziehenden einfachen Frau.

Die Selbstlosigkeit und Mitmenschlichkeit von "Niemands Tochter" bewirken, dass sich grosse Persönlichkeiten der Zeitgeschichte wie der französische Staatspräsident François Mitterrand zusammen mit dem Präsidenten der Sozialistischen Internationale und ehemaligen deutschen Bundeskanzler Willy Brandt bereits 1981 nach Rothenburg begeben; dass die ehemaligen Aussenminister Roland Dumas und Hans-Dietrich Genscher wegen "Niemands Tochter" im Jahr 2002 korrespondieren; auch, dass die deutsche Bundesfamilienministerin Renate Schmidt im März 2003 in einem Festakt im Rothenburger Rathaus und vor ihrem kleinen Häuschen im "Alten Keller 17" die couragierte Bürgerin posthum ehrt. 

Der bekannte und beliebte ehemalige Fernsehmoderator Gunter Haug hat in diesem Buch über "Niemands Tochter" aufgeschrieben, was ihm seine 1932 geborene Mutter Gretel über das Leben ihrer Mutter Maria Staudacher (1903-1965) und ihre Zeit erzählt hat und was der gelernte Historiker selbst durch eigene Recherchen ermitteln  konnte. Wie man im Buch anhand von präzisen Schilderungen erfährt, entging dem damaligen Teenager Gretchen (so ihr richtiger Taufname) in dem kleinen, engen Häuschen praktisch nichts: sie schildert dramatische Ereignisse und beschreibt fröhliche Stunden. Man spürt förmlich die ungeheueren Spannungen der Eltern mit dem in der HJ zum für  den Landkreis Verantwortlichen aufgestiegenen 15-jährigen Sohn Wilhelm (1928-1995), und man wundert sich über die lebensgefährliche  Courage der Mutter,  meist nachts Schutz suchenden Personen Unterschlupf zu bieten, darunter immer wieder französische Stimmen. 

Maria Staudacher, die unter dem Namen "Niemands Tochter" bekannt gewordene couragierte  Rothenburger Bürgerin starb schon vor einem halben Jahrhundert. Sie war 1965 gerade einmal 62 Jahre alt geworden und hinterliess ausser ihrem Ehemann acht zwischen 1928 und 1943 im kleinen Häuschen Alter Keller 17 zur Welt gebrachte Kinder sowie 20 Enkelinnen und Enkel. Ihre Grosszügigkeit und tolerante Persönlichkeit ist jedoch nicht nur in Gunter Haugs grossartigem Werk "Niemands Tochter" und in Form einer beim Besuch der Familienministerin Renate Schmidt am Häuschen  Alter Keller 17 angebrachten Gedenktafel  dokumentiert. Sie wird auch alljährlich in einem von ihrem Sohn Werner seit Jahrzehnten Ende April gefeierten Familienfest spürbar, dessen Durchführung bereits heute für weitere Jahrzehnte und damit für mindestens eine weitere Generation finanziell gesichert ist und mittlerweile eine Festgemeinde von über siebzig Verwandten umfasst.. 



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DAS KLEINE HÄUSCHEN DER FAMILIE STAUDACHER, IN DEM AUCH FRANCOIS MITTERRAND 1941 UNTERSCHLUPF BEI NIEMANDS TOCHTER ZUSAMMEN MIT ABBÉ LECLERC GEFUNDEN HATTE.
Links: 1957, Mitte: 2003, Rechts: 2006.





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Juli 2002: Gunter Haug mit Sonja Profittlich vom Willy-Brandt-Archiv bei der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn. Gunter Haug findet in Mirow/Brandts Reiseunterlagen von 1981 Hotelprospekt mit Stadtplan und Vermerk "vieux" und "cave" (alter Keller)
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6. März 2003: HOMMAGE AN NIEMANDS TOCHTER IM JAHRE 2003 AM ALTEN KELLER UND IM RATHAUS ROTHENBURGS DURCH BUNDESFAMILIENMINISTERIN RENATE SCHMIDT.

 Photo en haut: La Ministère de Famille Allemande, Renate Schmidt, a dévoilé le 6 mars 2003 à Rothenbourg-sur-le-Tauber (Bavière) une plaquette pour Maria Staudacher devant la maison où elle avait caché entre 1941-1945, pour le risque de sa vie, des fugitifs, dont un avait été le jeune François Mitterrand.   

                             
Une cachette de François Mitterrand 

Mars 6, 2003 : Le jeune François Mitterrand avait trouvé refuge dans une petite maison de Rothenburg-sur-le-Tauber en Bavière du Nord, en 1941, durant sa longue fuite de 600 km. C’est l’Allemande Gretel Haug qui reconnut le Président français sur une photographie privée, qui vient d’être publiée pour la première fois, montrant un François Mitterrand âgé de 23 ans. Durant la deuxième Guerre Mondiale, Maria Staudacher, la mère de Gretel Haug, avait recueilli et caché mainte fois des fugitifs, au péril de sa vie. Gretel Haug, âgée aujourd’hui de 71 ans, a encore un souvenir très vivant de cet homme. Tout porte à croire qu’il était arrivé au n°17 de « Alter Keller » (la vieille cave), son refuge, en compagnie d’au moins une autre personne. En direction de la Suisse, François Mitterrand s’était évadé en mars 1941 du camp de prisonnier Schaala, situé en Thuringe, en compagnie du vicaire Xavier Leclerc. C’est la Ministère de Famille Allemande, Renate Schmidt, qui a dévoilé le 6 mars 2003 à Rothenburg une plaquette pour la « Fille à Personne », surnom de la Maria Staudacher. 

Cette cachette de Rothenburg, secrète jusqu’alors, a été rendue publique par un hasard : la publication du livre « Niemands Tochter – Auf den Spuren eines vergessenen Lebens » (La fille de personne – sur les traces d’une vie perdue). Dans cette biographie d’une fille de fermier franconien, Gunter Haug, le petit-fils de Maria Staudacher, écrit, entre autres, que François Mitterrand était revenu avec Willy Brandt à Rothenburg en mars 1981, lors « d’un voyage dans son passé ». Il s’était alors intéressé, incognito, à une maison de la petite ville moyenâgeuse dans laquelle il avait trouvé refuge exactement quarante ans plus tôt. Depuis la parution du livre il y a six mois, de nombreux indices permettent de penser qu’il s’agit de la maison située au n°17 de l’Alter Keller de Rothenburg. Gretel Haug, témoin vivant dont le témoignage est d’une grande importance, reconnut, sur une photographie privée à la page 108 du nouveau livre d’Edith Cahier « Ma famille Mitterrand », le jeune homme qu’elle avait vu en 1941 dans la maison parentale. Gunter Haug, auteur du livre, déclare : « Outre le jeune François Mitterrand, ma grand-mère a recueilli, pendant la deuxième Guerre Mondiale, de nombreux fugitifs, au péril de sa vie.» Pas tous ces fugitifs survécurent au régime nazi et certains furent pris, plus tard, pendant leur fuite. Entre autre un déserteur que Maria Staudacher avait caché peu avant la fin de la guerre. Il fut fait prisonnier aux murs de la ville de Rothenburg et fusillé par décision de la cour martiale sans avoir dévoilé sa cachette.
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- Gunter Haug : « Niemands Tochter – Auf den Spuren eines vergessenen Lebens » (La fille de personne – sur les traces d’une vie perdue).  416 pages. Editions Hoffmann & Campe, Hambourg 2002. Paper back: Landhege Verlag, Schwaigern.
- Edith Cahier : « Ma famille Mitterrand ». 230 Pages. Editions Robert Laffont, Paris 2002.
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Contact: Fritz Staudacher, Fahrgasse 12, CH-9443 Widnau (Suisse) –
Couriel: staud1@bluewin.ch  – Téléphone 0041 71 722 5733

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Die beiden linken Farbaufnahmen stammen aus dem Jahre 2003, als Gretel Haug-Staudacher 71 Jahre alt war. François Mitterrand wurde 1939 als 23-Jähriger, Gretel Haug-Staudacher 1944 als 12-Jährige und Maria Staudacher hier 1952 als 49-Jährige fotografiert.
Von den Aufnahmen, die uns vorliegen, sind die hier publizierten diejenigen, die ihrem damaligen Aussehen im Jahre ihres Zusammentreffens 1941 am besten entsprechen. François sah 1941 im Alten Keller also zwei Jahre älter aus als hier bei der Mobilmachung 1939, Gretel zwei Jahre jünger und Maria ganze zehn Jahre jünger als hier abgebildet.


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AUS DEM LEBEN DER MARIA STAUDACHER  („NIEMANDS TOCHTER”)

Das schwere sowie doch segensreiche und als glücklich empfundene Leben
der Maria Staudacher in Stichworten

Wird am 15. Mai 1903 in Rothenburg ob der Tauber als uneheliche Tochter der ledigen Magd Anna Reingruber geboren und auf den Namen Maria Reingruber getauft.

Wird als sechswöchiger Säugling vom leiblichen Vater Leonhard Ohr abgeholt und auf den Goschenhof, Flinsberg bei Schopfloch (Landkreis Ansbach) gebracht
Wächst auf dem Goschenhof bei Stiefmutter auf. Isst Kartoffeln aus Schweinetrog.

Tritt als 14-jährige in Dinkelsbühler Wirtschaft Stelle als Hausmagd an und will später Näherin werden.

Verliert bei der Inflation ihre gesamten in sieben Jahren erarbeiteten Ersparnisse, mit denen sie sich 1924 eine Nähmaschine kaufen wollte.

Reist 1924 mit einem Koffer im Zug nach Rothenburg und sucht ihre Mutter, um sie erstmals in ihrem Leben bewusst zu sehen. Wird von ihr verstossen.

Arbeitet als Magd in Taubermühle bei Rothenburg und lernt Knecht Johann Staudacher ken­nen, ihren späteren Mann.

Bringt 1926 unehelich den ersten Buben Alfred zur Welt (stirbt 1927 an Impfvergiftung).

Heiratet 1927. Kaufen von Johanns Eltern kleines Haus Alter Keller 17 in Rothenburg ob der Tauber mit selbstverdientem und geliehenem Geld, das sie 1938 überraschend zurückzahlen.

Bringt zwischen 1928 und 1943 weitere acht Kinder zur Welt.

Lehnt 1935 Angebot von amerikanischen Touristen ab, Tochter Gretchen zu verkaufen.

Nimmt 1936 zusätzlich ein Waisenkind (Willy Flohr) auf. Seine Tante Anna überlebt im KZ.

Muss Familie mit äusserst geringen Mitteln durchbringen, weil Mann nicht NSDAP beitritt und deshalb arbeitslos bleibt. Grosser Anteil an Eigenversorgung (Sau, Garten, Pachtacker). 1941 wird Johann in den Kriegs-/Arbeitsdienst eingezogen, Freund kommt ins KZ. Johann kommt 1945 aus italienischer Kriegsgefangenschaft zurück. Wird Strassenkeh­rer in Rothenburg; Sohn Wilhelm PEN-Mitglied und Stadtkämmerer; Erich: Tiefbauingenieur; Hans: Kreiskämmerer; Werner: Unternehmer Bern; Fritz: Leica Kommunikationsdirektor /CH.

Versteckt auch von 1941 bis 1945 mehrfach Flüchtende verschiedenster Herkunft im Haus Alter Keller 17 unter eigener Lebensgefahr, darunter am 10./11. März 1941 François Mitterrand und Jesuitenvikar Leclerc.

Bringt 1943 zusätzlich ausgebombte Nürnberger Familie im kleinen Haus unter.

Flieht bei Bombardierung Rothenburgs 1945 mit Kindern im Handwagen nach Flinsberg. Wird auf der Flucht von Tieffliegern beschossen.
Bewahrt ältesten Sohn und HJ-Führer Landkreis 1945 mit Hilfe eines Amerikaners vor Lynchjustiz.

Wird weder beim Tod ihres Vaters noch ihrer Mutter als Tochter genannt. Fragt sich: „Bin ich denn Niemands Tochter?"

Zieht acht Kinder gross und stirbt am 29. Dezember 1965 in Rothenburg ob der Tauber. Gunter Haug: „Niemand in der alten Stadt konnte sich daran erinnern, dass jemals so viele Menschen an einer Beerdigung teilgenommen hatten, wie an diesem letzten Tag des Jahres 1965.".–

Wird am 100. Geburtstagsjubiläum von Bundesministerin Renate Schmidt geehrt.

Ihre Biographie erscheint im Sommer 2002 im Hoffmann & Campe Verlag. Jetzt im Verlag edition.inspiration, Schwaigern als Taschenbuch. Gesamtauflage 2016: 250‘000 Exemplare.


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Im April 2005 berichtete sogar die Bild-Zeitung in ihrer Nürnberger Ausgabe über "Niemands Tochter".

Bild unten: Zum 100-Jahr-Geburtstagsjubiläum François Mitterrands im Oktober 2016 bin ich nach Paris eingeladen, lerne dabei Mitterrands jüngsten Sohn Gilbert (Jg. 1949) kennen und stosse mit ihm an: einmal, weil wir beide die jüngsten Kinder unserer Familien sind, er von François Mitterrand, ich von "Niemands Tochter". Und noch einmal deswegen, weil es schön ist, dass wir uns hier überhaupt treffen können - ich weiss nicht, was aus uns geworden wäre, hätte die Gestapo seinen Vater 1941 in unserem Alten Keller 17 entdeckt! Da ihm Gunter Haugs Buch "Niemands Tochter" bis jetzt unbekannt ist, übersetzt Alain Mauroy einige Passagen ins Französische.
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Ankunft im Pariser Flughafen CDG zum Kolloqium im Aussenministerium am Quai d'Orsay (4.-6. Okt. 2016). Auch drei Wochen später habe ich den ehemaligen Protokollchef Mitterrands Alain Mauroy als äusserst kenntnisreichen und sympathischen Begleiter.

Unten:
1981: Postkarte aus Rothenburg ob der Tauber

Erst mit der Ende 2016 erfolgten Veröffentlichung dieser privaten Liebesbriefe des 1996 verstorbenen französischen Staatspräsidenten wird nun auch in Frankreich bekannt, dass François Mitterrand zweimal in Rothenburg ob der Tauber war. Als Dokument  1148 ist in Mitterrands "Lettres à Anne"  eine Postkarte aufgeführt, die mit dem Poststempel von Rothenburg ob der Tauber und dem Datum 6.3.1981 versehen ist. Die Anschrift lautet Anne Pingeot, 40 rue U, Paris.  Als Text auf der Rückseite lesen wir nur: "Une porte qui s'est ouverte sur la liberté." Also: "Eine Türe, die sich zur Freiheit öffnete."  Nirgends in seinen Büchern, Reden und Texten hatte er jemals diese Stadt erwähnt - genauso, als habe er dort vor der französischen Öffentlichkeit etwas zu verbergen gehabt. Aber was?

Une porte qui s'est ouverte sur la liberté. F.        EineTüre, die sich hin zur Freiheit öffnete.
Postkarte Vorderseite: Rothenburg ob der Tauber. Eingangsportal in das Alte Rathaus. Gesandt am 6.3.1981 aus Rothenburg nach Paris an ​Anne Pingeot von F. Mitterrand. Foto: Ohmayer. 

                            
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Mitterrands Postkarte an Anne zeigt das Eingangsportal zu Rothenburgs Altem Rathaus. Öffnet man diese Renaissance-Türe und folgt man der breiten Treppe nach oben, so gelangt man in den grossen Kaisersaal der alten Stauferstadt. Wählt man den Weg die Treppe abwärts, so öffnen und schliessen sich im Kellergewölbe vom Wärter bewachte Türen in das Gefängnis mit dunklem Kerker und Verliess sowie mit dem Raum für die Folterwerkzeuge zur hochnothpeinlichen Befragung. Hätte eine couragierte Rothenburger Bürgerin Mitterrand 1941 nicht Unterschlupf gewährt, sondern hätte ihn die Gestapo entdeckt, so hätte sie ihn abwärts geführt. Im Jahre 1981 geht es für ihn  eindeutig treppauf, denn diesmal ist er selbst Staatsgast in Begleitung des ehemaligen Bundeskanzlers und Friedensnobelpreisträgers Willy Brandt, der sich mit ihm im Rathaus ins Goldene  Buch der Stadt einschreibt.          



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Im Innenhof am Rathaus-Gotikbau befindet sich dieses malerische Renaissance-Portal. 

EIN TOR ZU MITTERRANDS FREIHEIT

Die grosse Buchsensation des französischen Winters 2016/17 ist ein dickes Buch über die Liebe. Über drei Jahrzehnte hat der renommierte Autor an diesem Werk gearbeitet. Dass es zwanzig Jahre nach seinem Tod veröffentlicht wird, würde den mächtigen, seine Geheimnisse hütenden Staatsmann beschämen - so etwas gibt man nicht preis, zu intim ist sein Inhalt. Denn bestimmt waren diese Texte ausschliesslich für eine Person: seine geliebte Anne. Nur ihr fühlte er sich so in Liebe ausgeliefert, dass er ihr schutzlos folgte. Doch nun kann diese Texte jedermann in einem Buch "Lettres à Anne" lesen, und das ist gut so. Es sind nämlich auch Zeitdokumente und teilweise literarische Preziosen.  Anne ist nicht seine Ehefrau, und diese wusste jahrzehntelang anscheinend nichts über diese nunmehr Schwarz auf Weiss dokumentierte Parallel-Beziehung und sein glücklich arrangiertes amouröses Doppelleben. 

Auch verschiedene andere bis jetzt unbekannte Ereignisse werden dank dieser Publikation nun erstmals erhellt. Dazu zählt eine Postkarte, die unter Dokument 1148 aufgeführt ist und die François Mitterrand am 6. März 1981 von Rothenburg ob der Tauber nach Paris sandte. 

Liebhaber Mitterrand. Die Texte dieses Buches stammen aus der Feder von François Mitterrand, Frankreichs 14-fachen Minister und langjährigen Staatspräsidenten. Empfangen, redigiert und posthum zur Veröffentlichung freigegeben hat diese Liebesbriefe seine 27 Jahre jüngere Geliebte Anne Pingeot. Er, selbst schon einflussreicher Minister und 46 Jahre alt, lernt sie 1962 bei einem Golfpartner kennen. Sie ist dessen Tochter, gerade neunzehn Jahre alt, wird seine Geliebte und bleibt dies lebenslänglich. Immer an sie denkend, schreibt ihr der Vielbeschäftigte in allen Lebenslagen Briefe und Notizen sowie von den verschiedensten Orten Postkarten, wegen Geheimhaltung des Absenders nur mit einem "F." unterzeichnet. Seine Briefe weisen ihn als zärtlichen und beschwörenden Liebhaber aus, der nicht nachlässt, seine Anne anzubeten - und dies in einer Stimmigkeit, die nicht klischeehaft oder kitschig ist, sondern authentisch und von literarischer Qualität. Diese Anne Pingeot - später angesehene Kunsthistorikerin sowie Louvre-Kuratorin -  schenkt ihm 1974 Mazarine, eine uneheliche, aber keine vaterlose Tochter. Als geheim gehaltener Vater verbringt er auf wundersame Weise während eines Vierteljahrhunderts mit ihnen – davon eineinhalb Jahrzehnte in einer Dienstwohnung in der Nähe des Elysee-Palastes - fast ebenso viel Zeit, wie mit der Familie seiner bereits 1945 angetrauten Danielle und seinen beiden Söhnen Christoph und Gilbert an seinem Abgeordneten-Wahlort Chateau Chinon oder im der Atlantikküste nahen Bauernhaus in Latche. Und all dies, ohne dass man in der Provinz über diese doppelte Beziehung und eine Halbschwester im Bilde ist - geschweige denn die Öffentlichkeit. Ein starkes Stück.

Lange schwedische Nächte. Doch selbst das ist nur ein Teil der Wahrheit. Kaum ist Anne Pingeot, "die grosse Liebe seines Lebens", vom Staatsbegräbnis ihres François nach Hause zurückgekehrt, da muss sie lesen, dass sie ihn seit 1979 nicht nur mit seiner Ehefrau Danielle und Familie in der Provinz teilen musste, sondern dass er zusätzlich bis kurz vor seinem Tod während 15 Jahren auch noch die drei Jahrzehnte jüngere Chris Forne geliebt hatte. Diese schwedische Journalistin hatte er 1979 gemäss einem Interview Fornes im "Aftonbladed" in Schweden anlässlich des Treffens der Sozialistischen Internationale kennen gelernt,  bevor sie sich anschliessend in Paris akkreditierte. Sie verfolgte das Staatsbegräbnis zu Hause am Fernsehschirm und zeigte sich traurig darüber, dass sie bei François Beerdigung nicht auch zusammen mit Madame Danielle und Mademoiselle Anne am Grab stehen und von ihm Abschied nehmen konnte.


Mitterrands Liebeszauber.  Der 48-jährige François Mitterrand ist ein Meister der Sprache und der Poesie. So schreibt er, um nur zwei typische Beispiele aufzuzeigen, 1964 seiner damals 21-jährigen Anne:

„Ich segne, meine Geliebte, Dein Antlitz, aus dem ich zu lesen versuche, was mein Leben sein wird. Ich bin Dir begegnet und habe augenblicklich erkannt, dass ich nun auf eine grosse Reise gehe. Dorthin wo ich gehe, weiss ich zumindest, dass Du immer dort sein wirst. Ich segne Dein Antlitz, mein Licht. Es wird für mich von nun an keine vollkommen dunkle Nacht mehr geben. Die Einsamkeit des Todes wird weniger Einsamkeit sein. Anne, mon Amour!“.

Im Juli 1970 sendet er ihr eine vierteilige Gedicht-Sequenz aus 16 Versen, wovon hier nur jeweils einer zitiert sei.

ANNE I (Vers 1/4)
Für die Blumen, die du nie erhieltst
Für die Bücher, die ich dir nie vorlas
Für die Länder, die wir nie sahen
Für die verlorenen Momente des Glücks
              Bitte dich um Verzeihung, meine Anne!

ANNE II (1/4)
Für die Lupinen des St. Benoît
Für die Veilchen des Luberon
Für die Immergrün von Ephesos
Für die Rosen aus Paris
              Verzeih‘ mir, meine Anne

ANNE III (4/5)
Für die erste Nacht
Für die schönsten Nächte
Für die zärtlichsten Nächte
Für die letzte Nacht
              Verzeih‘ mir, meine Anne

ANNE IV (2/3)
Für mein Blut, für meine Hände
Für meine Knie zwischen denen von dir
Für meinen Mund und für meine Stirn
Für meine Lust, für meinen Schlaf
              Verzeih‘ mir, meine Anne
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François und Anne

Und in seinem letzten Brief schreibt der 79-jährige vom Tode gezeichnete François 1995 seiner mittlerweile 62-jährigen Anne:
„Du hast mich immer stärker unterstützt. Du warst die Chance meines Lebens. Wie Dich nicht noch mehr lieben?“   



Virtuosität aus breitem Spektrum. All diese Privatissima werden durch hohe Disziplin, Intelligenz, Täuschung, Macht und ausgesuchte Getreue Jahrzehnte lang so geheim gehalten wie auch andere politisch und wahltaktisch relevante Informationen, die der 1981 zum Französischen Staatspräsidenten gewählte Jurist, Politologe und Literat bei grösster Flexibilität mit unglaublicher Virtuosität bis ins Paradoxon variiert: seien es zwei seiner drei während Jahrzehnten geliebten Frauen, seine zwischen rechts und links changierenden politischen Positionen, seine immensen Kenntnisse der französischen Literatur, der deutschen Klassik und der europäischen Kultur, seien es seine sprachliche Eloquenz, physische Präsenz und politische Intelligenz, seine umstrittene frühe Vichy-Verwicklung und seine späte Résistance-Unterstützung, seine Kriegsverletzung und Gefangennahme trotz seiner Zugehörigkeit zur Grande Nation, seine vielfach positiven persönlichen Erlebnisse mit wohlwollenden Deutschen und seine Bekämpfung teutonischer Nazi-Barbarei die wie ein böser Geist von ihnen Besitz ergriffen habe,  seine Treue gegenüber Freunden und seine  Rücksichtslosigkeit gegenüber zu Feinden gewordenen Abtrünnigen, sein pragmatischer Opportunismus und sein ideologieferner Realismus - und allem übergeordnet seine persönliche Unabhängigkeit, Autonomie und Freiheit.

Gute Nachbarschaft mit Deutschland.  Zu den zentralen Fixpunkten François Mitterrands zählt sein Verhältnis zu Deutschland, das er nicht lieben kann, aber das er in einigen Gebieten bewundert und dessen Bewohner er gerne hat - nicht so stark natürlich wie seine "France profonde", seine tief in ihm verwurzelte Heimat und seine glorreiche Kultur.  Hier ist er 1942 sogar selbstkritisch, und meint, sein Land habe sich seit Napoleon Bonaparte im Ancien Régime zu stark irrealen Zielen verschrieben und ihm und seiner Generation am Schluss auch noch eine Regierung der Volksfront und nun die Gefangenschaft beschert. Er sieht in den Deutschen keine Erzfeinde, wie im und nach dem Krieg die Mehrheit seiner Landsleute, sondern denkt, dass eine böse Macht vom deutschen Volk Besitz ergriffen habe. Die Deutschen hätten ein wesentlich positiveres Bild von den Franzosen, als umgekehrt, sagt er aufgrund seiner Erfahrungen in verschiedenen Kriegsgefangenenlagern und angesichts Bezeugungen «archaischen Mitleids». Um nicht gleich als Kollaborateur oder gar als Nazi-Sympathisant zu gelten, kann er diese Erfahrung und Einstellung nur zurückhaltend äussern. Er sei kein guter Visionär gewesen, konstatieren drei massgebliche Stimmen, die sich intensiv mit dem Thema Mitterrand und Deutschland auseinandergesetzt haben: 2004 Brigitte Seebacher in ihrer grossartigen  Biographie "Willy Brandt", 2011 Ulrich Lappenküper in seiner meisterhaften detaillierten Studie "Mitterrand und Deutschland" und 2014 Angelika Praus in ihrer als Buch publizierten ausgezeichneten Doktorarbeit "Das Ende einer Ausnahme – Frankreich und die Zeitenwende 1989/90". Mitterrand ist zuerst ein ablehnender, dann zögerlicher, dann ein kraftvoller Mitgestalter des heutigen Europa, nicht zuletzt auch der Währungsunion mit dem Euro als von ihm stark promovierte Einheitswährung. Immerhin ist er der Staatsmann, der die Wiedervereinigung Deutschlands als geschichtlich vorgegebenes Ereignis schon vor 1996 erwartet, während sein Gesprächspartner Helmut Schmidt – wie alle anderen Politiker und Zeitgenossen – gemäss den von Jacques Attali protokollierten Gesprächen am 7. Oktober 1981 davon ausgeht, dass dies viel mehr Zeit benötigen werde und dass er dieses Ereignis nicht mehr erleben werde. Als die Wiedervereinigung Deutschlands dann schon 1989/90 zustande kommt, ist Mitterrand allerdings ein zunächst wieder schwankender Geselle.

Bürgerlich-katholischer, hochkultivierter und zupackender Mensch, der die Freiheit liebt. Der 1916 inmitten des Ersten Weltkrieges geborene François wächst mit sieben Geschwistern als Sohn eines Essigfabrikanten in bürgerlicher Provinzumgebung im Südwesten Frankreichs nahe der Atlantikküste auf. In einer von katholischen Patres geführten Schule wird der an Mathematik wenig interessierte, aber in allen Gebieten überragende Schüler stark von christlichen Gedanken und von der Lektüre der Werke der grossen griechischen Philosophen und der römisch-lateinischen Klassiker sowie der katholischen Kirchenväter in ihren Originalsprachen geprägt. Aus diesem politisch rechts angesiedelten bürgerlichen und militärisch-national geprägten katholischen Milieu hat er seine an Machiavelli geeichte Werteskala. Sie wird nach seiner Ansicht in den Dreissiger Jahren auf dem Hintergrund eines zu selbstzufriedenen Frankreichs vor allem von Sozialisten und Kommunisten bedroht, und noch nicht so vom erst vor zwei Jahrzehnten besiegten Deutschen Reich. In seiner Studienzeit in Paris zwischen 1934 und 1938 zum Juristen und Literaturfachmann tritt der eloquente und eine unübersehbare Präsenz ausstrahlende François Mitterrand verschiedentlich als Sympathisant oder Exponent rechtsbürgerlicher Gruppierungen in Erscheinung und verfasst erste Artikel für rechtsnational orientierte Publikationen.
Bereits als 23-Jähriger hat er seine Lizenziatsdiplome eines Juristen und eines Sorbonne-Philologen in der Tasche und kennt die französische Literatur wie nur Wenige, zitiert aus dem Stegreif ganze Passagen Pascals; aber auch Goethe und Schiller in Weimar, Martin Luther auf der Wartburg sowie Thomas Manns Buddenbrocks sind ihm literarisch vertrauter als den meisten Deutschen. Nimmt er an den in Frankreich üblichen und gestrengen nationalen Einstellungswettbewerben teil, so findet man seinen Namen meist auf den vorderen Rängen.

Schwer verwundet und Kriegsgefangener. Nach dem "Anschluss" Österreichs und der Inbesitznahme der Tschechoslowakei wird beim Einmarsch der Deutschen Wehrmacht in Polen 1939, wie angekündigt („Bis hierher und nicht weiter!“), zusammen mit Englands auch Frankreichs Kriegserklärung an Deutschland ausgelöst. Mitterrand wird bei der Mobilmachung in die Infanterie einberufen. Er wird Unteroffizier und erwartet an der Maginot-Linie einen „drole-de-guerre“-Stellungskrieg, als die Deutsche Kriegsmaschinerie 1940 in Frankreich einfällt, und er in der Nähe von Verdun durch ein unter dem linken Schulterblatt eindringendes Schrapnell schwer verwundet wird, ein Handicap, das ihm in Form eines behinderten linken Armes lebenslang bleibt. Das Krankenhaus Lunéville, in das er rücklingsliegend auf einem Holzkarren gezogen und von Kampfflugzeugen überflogen wird, ist kurz darauf in deutscher Hand. Mitterrand kommt ins Lazarett, dann in verschiedene zum nordhessischen Kriegsgefangenenlagen-Stammlager «Stalag» IX  Ziegenhain (heute: Gedenkstätte Trutzhain) gehörende Lager für 40 000 Kriegsgefangene, davon 35 000 französischer Herkunft.

Schwere Rodungs- und Strassenbauarbeiten. Entgegen der Genfer Konvention wird in einigen der verschiedenen zum Stalag IX zählenden Lager schon 1940 gearbeitet, um die an die Front geschickten Deutschen an ihrem Arbeitsplatz in der Heimat zu ersetzen. Insgesamt werden es im Jahre 1943 1,6 Millionen französische Kriegsgefangene und 650 000 Zwangsarbeiter sowie alle 21-23-Jährigen Franzosen sein, die in Frankreich dem Hitlerreich ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellen müssen. Einer davon ist François Mitterrand, der im Sommer 1940 nach kurzem Aufenthalt im Stalag IX A in Ziegenhain – 8000 Gefangene auf einer Fläche von 47 Hektar – nach einer weiteren Verlegung im thüringischen Kriegsgefangenen-Arbeitslager Schaala bei Rudolstadt landet. Hier im Stalag IX C ziehen die Nazis eine heterogene Gruppe sogenannter «Intellektueller» zusammen. Darunter sind mehrheitlich Akademiker wie Lehrer, Priester und Rechtsanwälte sowie Linke aus verschiedenen politischen Richtungen,  auch vom verlorenen Spanischen Bürgerkrieg zurückgekehrte Kommunisten und Sozialisten, Arbeiter und Winzer. Hier haben sie bei Rodungs- und Strassenbauaufgaben schwere körperliche Arbeit zu verrichten. Aufgrund der nur mangelhaften Ernährung ist man froh, wenn man von zuhause über das Rote Kreuz Geschenkpakete zugeschickt bekommt.

Gesetz des Messers unterliegt sozialer Kompetenz.  In einem Kriegsgefangenen-Lager regiert die Siegermacht und wenn es gut geht unter Beizug der Vertrauensleute der Gefangenen der Buchstabe des Gesetzes gemäss der Genfer Konvention. Doch im Alltag gelte auch das Gesetz des Messers, stellt der junge Akademiker Mitterrand nach Aufenthalt in mehreren Kriegsgefangenenlagern fest, und das nicht nur, wenn es um Brotrationen, sondern auch um Privilegien geht. Auf engem Raum stellt sich durch die Gefangenenkleidung die Frage der Gleichheit, aber auch der Würde und Armut – Themen, die in einer Gesellschaft der starken Brüche neu anzugehen sind und eifrig diskutiert werden. Doch dabei entsteht noch etwas Stärkeres als ein Messer: eine Gruppen-Vereinbarung, ein Contract Social aus Mut, Geradlinigkeit und Gerechtigkeit. Zwei körperlich kräftige und durchsetzungsfähige, im Lagerleben dominierende Mitgefangene werden lebenslang zu seinen besten Freunden zählen: der grossgewachsene Burgunder Winzer Jean Munier und der kräftige vom Spanischen Bürgerkrieg zurückgekehrte kommunistische Arbeiter Roger-Patrice Pelat, der es zu Reichtum bringen und Mitterrands Karriere finanziell unterstützen wird.

Mitterrand will von allem frei sein. Ein Mitterrand lässt sich nicht lange einsperren – weder körperlich noch geistig. Keine drei Monate im Arbeitskommando Schaala, das in einer ehemaligen Steingutfabrik untergebracht ist, bereitet er auch schon die Flucht in Richtung Schweiz vor. Kartenunterlagen aus der Fahrschule verwendet er, um sich penibel einen eigenen Fluchtplan zu zeichnen. Der kräftige Jean Munier hat guten Kontakt zu Arbeitern, die für Mitterrand nicht nur einen Rucksack, sondern auch einen besseren Umhang nähen, in dessen Rockschoss der Fluchtplan versteckt werden kann. Am 5. März 1941 frühmorgens bei leichtem Schneefall verlässt er das Lager in Richtung seiner Strassenbaustelle, kehrt am Abend aber nicht mehr zurück – des Weiteren ist ein Xavier Leclerc abgängig, ein aus dem selben Heimatdepartment Allier stammender Jesuitenvikar. Bäume roden und Strassen bauen war ihre Hauptaufgabe.  Zur Flucht verholfen und ihre Abwesenheit den ganzen Tag verschwiegen hatte Jean Munier, der respektierte Vertrauensmann der in Schaala zum Arbeitsdienst verpflichteten Kriegsgefangenen. 

Nachts im Winter 580 Kilometer zu Fuss auf der Flucht. Neben Zwieback, Tee, Zucker und Schokolade für kleinste Tagesmengen nehmen sie auch Schuhwichse mit - ein gepflegtes Aussehen mit täglich frischpolierten Schuhen und glattrasiertem Gesicht sei Voraussetzung, um nicht gleich negativ aufzufallen. Ausgerüstet mit Karte und Kompass, werden sie im nasskalten März 1941 bei Schnee und viel Regen 22 Nächte entlang der Mittelgebirgszüge zu Fuss unterwegs sein, bis sie ihren Endpunkt der Reise erreichen, der mit ihrem Zielpunkt leider nicht identisch ist.
Schon vorher erleben sie zwei besonders kritische Momente. Am 12. Fluchttag laufen sie einem mit dem Fahrrad patrouillierenden Feldgendarmen in die Hände, der sie anweist, sich zur Einvernahme an den Ortsanfang zu begeben, was sie natürlich nicht tun. Am 18. Fluchttag ist Vikar Leclerc so schlecht beieinander, dass er Medikamente benötigt. Mitterrand mimt in einer Apotheke einen italienischen Bauarbeiter und kehrt erst nach viel längerer Zeit zum Versteck zurück, in dem Xavier auf ihn wartet und schon Angst hat, er sei aufgriffen worden. Nein, er habe beim Ausflug in die Geschäftswelt in der Bäckerei auch gleich noch frisches Brot besorgt.

Nach etwa 580 Kilometern Fussmarsch in südwestlicher Richtung kommen sie an einem Sonntagmorgen nur noch etwa vierzig Kilometer von der Schweizer Grenze entfernt in den Ort Egesheim, wo sie den Fehler begehen, an einem Sonntagmorgen durch das Dorf zu laufen und die falsche Richtung einschlagen. Als sie dazu noch auf die leichte Anhöhe steigen, um sich genau zu orientieren, ist gerade der Sonntagsmorgengottesdienst zu Ende gegangen. Schnell sind einige Gesellen zur Stelle – darunter einer mit Nazi-Mütze und Nazi-Armbinde und auf sie gerichteter Pistole – und fangen die  körperlich geschwächten und durchfrorenen Gesellen ein. Als man sie aufs Bürgermeisteramt bringt, um sie vorübergehend bis zu ihrem Transport ins Bezirksgefängnis auf dem Dachboden einzuschliessen, erkennt der Bürgermeister Sauter ihre lamentable Verfassung und bittet seine Schwester, ihnen einen Teller warme Suppe zu servieren! Mit dem Lieferwagen bringt man sie anschliessend in den Bezirkshauptort Spaichingen, wo eine Gefängniszelle auf sie wartet, die sie einen Monat lang nicht verlassen werden. Die beiden Töchter des Gefängniswärters Huber lernen in der Schule gerade Französisch und parlieren radebrechend mit ihnen, bringen heimlich französischsprachige Bücher und Magazine und backen für sie zum Osterfest einen Kuchen. Eines Tages werden Mitterrand und Leclerc zur Feier des Tages sogar zum Essen in die Wohnung des Gefängniswärters gebeten: im Radio scheint man gerade die Einnahme Belgrads zu feiern. Nach einem Monat Gefangenschaft in Spaichingens Turmgefängnis führt man sie im bewachten Eisenbahn-Wagon wieder an den Ort ihres Ausbruchs nach Schaala und anschliessend ins Kriegsgefangenen-Stammlager IX A in Ziegenhain zurück und unterwirft die ohnehin ausgemergelten Sträflinge drei Wochen verschärfter Gefängnishaft bei Wasser und Brot.

Gefangenen-Professor und Meisterfälscher. In der Einzelzelle kommt Mitterrand mit dem zweiten Vertrauensmann der Gefangenen, einem Abt Dentin ins Gespräch, der ihm empfiehlt, doch in der «Zeitweiligen Universität Ziegenhain» mitzuarbeiten. Mitterrand wird einer von zehn Professoren der Universität und beeindruckt die 400 Studierenden mit seiner Kombination aus Wissen, Eloquenz und Kompetenz. So habe er, berichtet einer der damaligen Studenten, der selbst fachkundig ist, einen Mitterrand erlebt, der einen einstündigen Vortrag über Voltaire hielt, ohne ein einziges Blatt Papier vor sich haben – nur immer beide Arme am Pult aufgestützt und die Hörer im Blick. Der Jurist und Literat Mitterrand nimmt sich nicht nur publizistisch in der «Eintagsfliege»-Lagerzeitung «L’Ephémère» der Sorgen, Nöte und Motivation seiner Leidensgenossen an, sondern auch der dafür verantwortlichen Strukturen und Gesetze. Bald einmal steht er auch mit dem in Berlin eine Aussenstelle führenden Vorsitzenden des «Comité France-Allemagne» Scapini in Kontakt, der von Pétain beauftragt worden war, sich um die Haftbedingungen der französischen Kriegsgefangenen zu kümmern. Der Kriegsgefangene Mitterrand bildet sich selbst zum besten Kenner und Fälscher von Dokumenten aus, und verdient sich damit Geld für die nächste Flucht. Mit seinem älteren, im nichtbesetzten Frankreich lebenden Bruder Robert beherrscht er den Transfer von Reichsmarknoten in Zigaretten und vielen sonstigen Objekten der über die Rotkreuz-Organisation laufenden Gefangenen-Brief- und Geschenkpaketpost.

Zweite und dritte Flucht. Im November 1941 wagt er erneut die Flucht; diesmal als Zugpassagier mit selbst präparierten Papieren und zwei Kollegen als Begleiter. Er gelangt bis Metz und will die Nacht in einem nahe des Bahnhofs liegenden Hotel  verbringen – doch die Inhaberin durchschaut ihn und ruft nach einer Stunde schon die Gestapo. Nun, nach dem zweiten Fluchtversuch, erreicht er den Status des Kriminellen und ist «reif für Polen». Da er dort keinesfalls hingebracht werden möchte, wagt er aus dem Lager durch die Übernahme schwerer Transporte und mit dem Auf- und Abspringen auf fahrende Züge einen dritten Ausbruch, zu dessen Gelingen in Boley-en-Moselle (Bolsheim) und Metz die Zeitungskiosk-Verkäuferin Marie «Maya» Baron beiträgt. Die Zeitschrift «Rivarol» bezweifelte 1956 Mitterands Angaben über die erste Flucht: er sei direkt von Yves Dautun befreit worden, einem entfernten Cousin und Kollaborateur sowie Anhänger Jacques Doriots.

Mitterrands persönliche Konsequenzen. Die Erfahrung der Kriegsverletzung und der schnellen Besetzung des nördlichen Teils seines Landes, die Gefangennahme und Freundschaften mit Arbeitern und Kommunisten, die Lageraufenthalte und die drei Fluchtversuche mit zwei weiteren Festnahmen machen aus dem christlich-national erzogenen und rechts politisierenden François Mitterrand einen Pragmatiker, der nicht Ideologien und «-ismen» länger vertraut, sondern seiner eigenen Handlungsfreiheit, Intelligenz, Erfahrung und Risikobereitschaft. Er hat in diesen vielen lebensbedrohlichen Situationen erlebt, dass es auf ihn alleine ankam, die Situation richtig zu deuten und schnell das im Moment Machbare in die Hand zu nehmen und zu besetzen. Die Freiheit, auswählen und selbst entscheiden zu können, wird für ihn oberstes Ziel. Das schliesst auch ein, Positionen ständig neu zu justieren und aufzugeben, wenn es ratsam erscheint. Er ist kurzfristig Opportunist und wirkt  langfristig wie ein Macchiavellist. Er hält Treue unter Menschen, wenn sie sich einmal füreinander entschieden haben, für eine wichtige Konstante, ordnet sie aber der eigenen Freiheit unter. Er ist kein Moralist – zumindest nicht sich selbst gegenüber, auch kein Idealist oder gar ein Sozialist, wie sein ungleicher Freund und Friedensnobelpreisträger Willy Brandt.

Zwischen Flucht und Résistance. Wie geht es ihm nach der dritten Flucht aus dem Stalag IX C ? Er selbst findet nun ein Heimatland vor, das in eine nördliche Besatzungszone Deutschlands und südlich in eine mit ihm kooperierende Französische Republik unterteilt ist. Im nördlichen von den Nazis besetzten Teil ist es für ihn sehr gefährlich, denn dort wird er gesucht. Der sicherere Ort ist für ihn die freie Zone mit dem Regierungshauptsitz Maréchal Pétains in Vichy. Wer kann ihm das nach drei schmerzhaften Jahren verdenken? Wie könnte er seinen in Gefangenschaft zurückgebliebenen Freunden am Besten helfen? Niemand hat mit deutscher Gefangenschaft und Fluchtmöglichkeiten grössere Erfahrung als er. Da will es der Zufall, dass man in Vichy gerade jemand für eine solche Aufgabe sucht. Doch mit Vichy habe er nichts am Hut gehabt, gibt er 1969 in seinem Erinnerungsbuch «Ma part de la vérité» - mein Teil der Wahrheit - bekannt und er schreibt: «Ich wurde Widerstandskämpfer, ohne jegliches Umstellungsproblem!» Da er den Zeitpunkt und den Ort dabei nicht angibt, dürfte es kaum sofort erfolgt sein. In Tat und Wahrheit galt es abzuwägen, was am besten geeignet ist, um die Deutschen wieder aus dem Land zu werfen.  

Seit Kriegsbeginn hatte sich viel verändert. Hitlerdeutschland wollte zuviel und hatte zu viele Pulverfässer in zu kurzer Reihenfolge angezündet: nach der Aufteilung des gemeinsam eroberten Polens im Sommer 1941 auch noch Russland selbst. Nazi-Deutschland ist immer weniger in der Lage, die Ressourcen für den Vielfrontenkrieg zu beschaffen. Jetzt sind es plötzlich Frankreichs Allierte England und Commonwealth sowie Amerika, die im Herbst 1942 die zur Unterstützung von Mussolinis Besatzern nach Nordafrika eingedrungenen Truppen Deutschlands angreifen. Anfang 1943 wird die deutsche Sechste Armee bei Stalingrad eingekesselt. Doch auch in Frankreich selbst verändert sich die Lage: nach der Verdrängung Philippe Petains durch den neuen Regierungschef Pierre Laval im April 1942 wird im November auch das bis anhin nichtbesetzte Frankreich unterjocht und Mitterrands Vichy-Vorgesetzter Maurice Pinot abgesetzt. Der Widerstand, die Subversion, ja der Kampf gegen die einst so überlegenen Unterdrücker, wird der einzig gangbare Weg und bekommt eine reelle Chance. Seine exzellenten Kenntnisse der Kriegsgefangenenlager lassen Mitterrand bald mit dem Industriellen Antoine Mauduit Kontakt aufnehmen, der mit der Bewegung zur gegenseitigen Hilfe der Gefangenen die Organisation «La Chaine» ins Leben ruft, in der sein Freund Jean Munier aus dem Stalag Schaala bald einmal eine führende Aufgabe übernimmt. Noch den neuen Standort suchend, veröffentlicht er auch Beiträge in den ganz rechten Publikationen über seine Erfahrungen in Deutschland und den Lagern, die tendenziell nicht deutschfeindlich sind, sondern auch eklatante Versäumnisse in Frankreich aufzeigen. Gleichzeitig denkt er über Wege und Strukturen nach, alle bei einem Sieg der Allierten zur Verfügung stehenden Daten der Kriegsgefangenen zusammenzufassen. Zusammen mi Maurice Pinot baut er im Frühjahr 1943  im Widerstand das «Rassemblement national des prisonniers de guerre» (RNPG) auf. Ohne zu erwähnen, dass er zur gleichen Zeit mit dem «Francisque» den höchsten Orden Vichys erhalten hatte, berichtete er 1969 rückblickend in seiner «Wahrheit», mit dem langweiligen Vichy und dem Maréchal Pétain und seinen politisch altmodischen Strukturen nicht mehr viel am Hut gehabt zu haben. Doch bis Anfang 1943 oszillierte und schnupperte er in allen Gruppierungen.  

Selbst seinem engvertrautenen Berater Jacques Attali schildert er noch im Juni 1984 seine damalige Situation wie folgt: «Im November 1942, als die Deutschen in die freie Zone vorstiessen, befand ich mich ausserhalb des Gesetzes, war ich doch ein Kriegsgefangener auf der Flucht – also musste ich auch ein solches Leben führen – falsche Papiere, gefälschtes Dies und gefälschtes Das – eine andere Art zu leben. Aber mein bekanntester Kriegsname war Morland; mein Name in England, den mir «France Libre» gegeben hatte, lautete Monnier. Nach dem Krieg zähle ich mehr als vierzig Identitätskarten, aber auf allen war ich in Dieppe zur Welt gekommen, denn in Dieppe war im Krieg das Einwohneramt bombardiert worden. Es war ausgebrannt, also nichts mit meiner Fälschung vergleichbar. Zu der Zeit nannte ich mich Basly, jemand der wirklich gelebt hatte. Ich war sehr geschickt in der Anfertigung solcher täuschend echt aussehender Personalausweise.»  

Im Jahre 1943 besucht er Charles de Gaulle.  1943 nimmt Mitterrand mit General Charles de Gaulle Kontakt auf und trifft ihn in Algier. Mitterrand tut so,als habe er mit dem ehemals von de Gaulle hochverehrten, nun aber zum Verräter gewordenen Pétain nie etwas zu tun gehabt und bemüht sich um die Integration der Résistance-Kriegsgefangenen. Kaum im Untergrund in Paris tätig geworden, heiratet er auch schon Danièle Gouze, eine Résistance-Kämpferin der ersten Stunde aus einer ebensolchen Lehrerfamilie sozialistischer, der Religion fernstehender «Schwarzer republikanischer Husaren». In Résistancekreisen selbst ist er Befragungen nach seinen Aufenthalten nach der Gefangenschaft ausgesetzt. Der erfahrene Dokumentenfälscher bleibt souverän und verneint eine Tätigkeit unter Pétain in Vichy. 

Nach der Niederschlagung der deutschen Besatzer durch die Alliierten amerikanisch-englischen Streitkräfte in Nordfrankreich ist es am 25. August 1944 General Charles de Gaulle, der sich zusammen mit seinen Résistancekämpfern bei der Befreiung von Paris an die Spitze stellt. Und wo ist Mitterrand iin diesem denkwürdigen Moment? Er ist Generalsekretär der Kriegsgefangenen mit Sitz im provisorischen Regierungsrat, den General Charles de Gaulle präsidiert. Gleichzeitig schreibt er für die im Untergrund entwickelte Zeitung der Kriegsgefangenen und Deportierten „L’Homme Libre“ („Der freie Mensch“). Er erlebt die Racheakte und die Lynchjustiz an den deutschen Besetzern und an mit ihnen zusammenarbeitenden Landsmännern sowie Frauen zu Tausenden. Auch an den durch Gerichtsverhandlung schuldig gesprochenen verhassten obersten Vichy-Verantwortlichen werden drakonische Strafen vollzogen bis hin zum Todesurteil an den obersten Kollaborateur Laval sowie Pétain, der jedoch von de Gaulle begnadigt wird. Wer sich diesem ersten Sturm der Empörung entziehen kann, kommt Jahre später mit viel geringeren Strafen weg.

Der wandelbare Pragmatiker der Macht.  Anstatt als Vichy-Angestellter einer Strafklage ausgesetzt zu sein, erklimmt Mitterrand nun im Kreise der Résistancekämpfer führende Nachkriegspositionen. Wieder einmal hat er es geschafft, opportunistisch die Chancen zu erkennen und durch Bereitstellung seines Teils seiner Wahrheit eine plötzlich bedrohlich werdende Situation zu umgehen. Als Charles de Gaulle 1944 seine erste provisorische Regierung vorstellt, hat er es als erst 28-Jähriger zum jüngsten Kabinettmitglied gebracht und ist Minister für Kriegsgefangene.  Zwei Wochen später scheidet er auch schon wieder aus.  Zwei Jahre später ist er aber wieder im Boot und erinnert sich schnell aller drei Orte und Personen seiner Gefangennahme in Egesheim und Spaichingen beim ersten Fluchtversuch und seiner gelungenen Flucht in Boley-en-Moselle. Alle drei Orte besucht er 1947 als französischer Minister für die Kriegsgefangenen, liegen sie doch nun auf französischem Besatzungs- bzw. Hoheitsgebiet. In Egesheim und Spaichingen waren die damals mit ihm anständig umgehenden Bürgermeister und Gefängniswärter von den jüngeren aggressiven Nazis aus ihren Ämtern vertrieben worden, was er unmittelbar revidieren liess. Boley-en-Moselle besuchte er vorsichtshalber incognito, um dann auf Maya Baron zuzugehen und ihr zu danken. Aus all dem als Gewinner hervorgegangen zu sein, ist er stolz.
So ist er gewissermassen ein universell einsetzbarer Administrator und Politiker für viele Positionen: im Verlauf einer opportunistisch orientierten Karriere dient er in dreizehn weiteren Ministerämtern, darunter so auf so rigorosen Positionen wie der des Justizministers im Algerienkrieg, erhält aber nie einen Auftrag zur Regierungsbildung. Er entwickelt sich zum Chef der Anti-Gaullisten, zum Sprachrohr der Sozialisten, eines übergeordneten Programms der Linken und schliesslich zum Staatspräsidenten aller Franzosen. So tritt er 1965 gegen den schon 1958 wieder in die Politik zurückgekehrten Charles de Gaulle bei den Wahlen zum Staatspräsidenten an, wobei er gegen ihn ebenso knapp verliert wie 1973 gegen Giscard d’Estaing. Längst ist der mit allen rechten Insignien versehene und sich in aristokratischen Kreisen besonders wohl fühlende Mitterrand im Mitte-Links-Spektrum angelangt; aber dieses ist hoffnungslos zersplittert und lehnt den Einbezug der Kommunisten ab. Erst als sich Mitterrand durchsetzt, die Kommunisten aus taktischen Gründen mit ins Boot zu nehmen - ein Tabubruch für viele alte Sozialisten und Sozialdemokraten - gelingt gerade ihm als linkem Rechten 1981 der Durchbruch. Er hofft, einmal an der Macht, den Einfluss der Klassenkämpfer an der Realität zu messen und sie in Verantwortung zu zwingen: mit dem gewünschten Resultat, dass sie schon bei den zweiten Abgeordnetenwahlen die Hälfte ihrer ursprünglichen Wähler verloren haben. Im Lager der Sozialisten angekommen, pflegt er – der wohl altgriechisch und lateinisch spricht, aber weder Englisch noch Deutsch – den Kontakt auf internationaler Ebene. Längst ist offiziell die von den während des Krieges in ihren Ländern ins Exil versetzten Urgesteinen Adenauer – sein diskriminierender Frahm-Ruf sei hier aber auch nicht vergessen (!) – und Charles de Gaulle angebahnte (aber von Mitterrand torpedierte) deutsch-französische Zusammenarbeit mit Schuman, Monnet, Spaak und de Gasperi in Verträge gefasst und  freundschaftlich in zahlreichen Städtepartnerschaften verankert. Mitterrand repräsentiert schon seit Jahren Frankreichs Linke im Gremium der Sozialistischen Internationale, deren Vorsitzender Willy Brandt ist.

Planung einer Jubiläumsreise in die Vergangenheit. Aufgrund der Tagungen der Sozialistischen Internationale sind François (Mitterrand) und Willy (Brandt) befreundet, einer der wenigen Deutschen, die bei der Machtübernahme Hitlers den Mut und die Möglichkeit hatten, zu emigrieren und aus Skandinavien gegen die Nazis zu kämpfen. Anlässlich von mit Willy Brandt und Partnerinnen Danielle und Brigitte im Sommer 1980 gemeinsam in Frankreich verbrachter Ferientage, fragt François Mitterrand Willy Brandt, ob er mit ihm kurz vor den französischen Präsidentenwahlen in seinen 580 Kilometer zu Fuss und bei Nacht gelaufenen Deutschland-Fluchtweg aus dem Stalag Schaala bis Spaichingen mit dem Auto nachfahren würde. Im März 1981 sei das genau 40 Jahre her. Das wäre mit ihm zusammen, dem ehemaligen Bundeskanzler, Hitlergegner, Friedensnobelpreisträger, Vorsitzenden der Sozialistischen Internationale und Freund ein emotional wichtiges Erlebnis und ergäbe auch zwei Monate vor seinen Wahlen in Frankreich ein gutes Medienecho. Brandt stimmte zu, bot sich dadurch für ihn als Vorsitzenden der Sozialistischen Internationale in einem Zeitpunkt eisigen Schweigens zwischen Ost und West die Möglichkeit, zumindest gemäss seinem Konzept des Wandels durch Annäherung mit DDR-Funktionären zu sprechen. Also plante man vom 5.-7. März 1981 ein solches Treffen: als deutscher Reiseplaner wurde der persönliche Brandt-Assistent und spätere Hamburger Senator Thomas Mirow aktiv, als französischer Gegenpart der mit Mitterrand eng vertraute persönliche Berater Jacques Attali. Eine Pressekonferenz war auf speziellen Wunsch Mitterrands erst in Rothenburg ob der Tauber angesetzt worden. Brandt und die DDR-Granden treffen sich unter Ausschluss der Öffentlichkeit – bloss kein zweites Erfurt (!)  - in der Mitropa-Gaststätte an der Transitautobahn am Hermsdorfer Kreuz, während Mitterrand und Munier auf DDR-Seite Schaala und Rudolstadt besuchen und dann hier dazustossen. Gemeinsam fährt  man nach einem Zwischenstopp in Nürnberg beim OB-Urgestein Urschlechter in die von Mitterrand gewünschte Tauberstadt. An der Pressekonferenz in Rothenburg sind dann ausser Jean Munier mit Gattin Ginette auch Stalag-Freund Roger-Patrice Pelat anwesend, der gleichentags in dieser Gegend eine seiner Fabriken besuchte. Warum Mitterrand gerade Rothenburg als Etappenort und für die Medienkonferenz ausgewählt hatte, hat damit zu tun, dass er hier nach Lazarett und Gefangenschaft sowie fünf Tagen Nachtmarsch bei Schnee, Regen, Kälte und in der Morgendämmerung Unterschlupf bei einer tapferen Bürgerin gefunden habe, liess er im Vertrauen Willy Brandt und seiner damaligen Partnerin und späteren Ehefrau Brigitte Seebacher wissen. Hier habe er erstmals seit langer Zeit wieder einmal das Gefühl einer kleinen Freiheit erlebt. Das sei ein leuchtendes Beispiel von Freundschaft zwischen deutschen und französischen Menschen mitten im Krieg.

Anders als ursprünglich gedacht und vereinbart.  Doch als man in Rothenburg abends angekommen war, sah man wohl deutsche, aber kaum französische Journalisten. Es kam auch inhaltlich ganz anders, als Mitterrand vertraulich angekündigt hatte. Anstatt bei der Pressekonferenz in Rothenburg ob der Tauber seine 1941 bis jetzt nirgends erwähnte Unterbringung bei einer mutigen Frau in Rothenburg im Sinne wahrer deutsch-französischer Freundschaft bekannt zu geben, schweigt Mitterrand darüber und erzählte von Rudolstadt, Schaala, seinem Fussmarsch und der Spaichinger Festnahme durch einen geifernden Nazi. Nur dem Chefredakteur der Rothenburger Lokalzeitung „Fränkischer Anzeiger“ Dieter Balb beantwortet er seine gezielte Frage, ob er schon einmal in Rothenburg gewesen sei, mit Ja, er sei schon einmal vor vier Jahrzehnten ein Stück in der Stadt gewesen - allerdings nicht in einem so vornehmen Hotel wie hier - und dass man im Wald der Stadt gegenüber übernachtet habe: kein Wort mehr von einer couragierten Bürgerin und von einen Unterschlupf in einem kleinen Häuschen.

Anschliessend ging es mit den Autos über Villingen nach Spaichingen. Hier sieht Mitterrand den ihn damals festnehmenden geifernden Nazi wieder und wendet sich mit ihm der Presse zu: «Dieser Herr hat mich damals festgenommen. Er war ein richtiger Nazi mit einer Nazi-Mütze.» Anwesend waren auch die beiden Zwillingstöchter des Gefängnisaufsehers.  Zahlreiche deutsche Zeitungen berichteten darüber.

Absolute Ruhe hingegen herrschte im französischen Blätterwald. In den französischen Zeitungen stand im März 1981, mit Ausnahme einer kleinen allgemeinen Notiz in der Parteizeitung „L’Unité“ und einer kleinen Ankündigung in der "Le Monde" über diese Reise mit Willy Brandt quer durch Deutschland nichts. Brandt  staunte nicht schlecht über diese absolute Nichtbeachtung dieser Reise in Frankreich. Auch anschliessend mied François Mitterrand das Wort Rothenburg ob der Tauber in der Öffentlichkeit und in Publikationen, sprach auch über diese couragierte Frau nicht mehr.

Was war geschehen? Die vertuschte Vergangenheit drohte Mitterrand einzuholen! Seine Vichy-Beteiligung durfte bei den "Presidentielles 1981“ – den Wahlen des Staatspräsidenten durch die französische Bevölkerung - keinesfalls Diskussionsstoff werden! Das heisst, die Jahre 1942/43 mussten im Dunkel gehalten werden, um in Frankreich wählbar zu sein. Auch die im Sommer 1980 auf Anfang März 1981 mit Willy Brandt durch halb Deutschland führende Reise könnte Licht darauf werfen. So kommt eine typisch Mitterrand-Lösung: er macht das eine - und das andere auch!

Keine Experimente mit der stillen Kraft. Mitterrand tritt in der Wahlkampfwerbung um das mächtige Amt des Französischen Staatspräsidenten als „Die stille Kraft!» auf. In seinem 1977 erschienenen 620 Seiten starken Buch „Politique“ hatte er von einer „force tranquille“ geschrieben. Der mit der Ausarbeitung der grossen Mitterrand-Kampagne beauftragte französische Starwerber Jacques Séguéla hatte daraus den Slogan „Francois Mitterrand  - Die stille Kraft“ entwickelt und den Beginn der Kampagne relativ spät auf Mitte März 1981 angesetzt. Und da sollte nun ein paar Tage vorher eine grosse Berichterstattung über eine Reise Mitterrands nach Deutschland erfolgen? Das könne ein möglicher Kampagnenkiller werden, denn wenn auch nur ein grosses Blatt auf die Vichy-Kollaboration und Deutschenfreundlichkeit hinweise, die ja dadurch bestätigt werde, würde man viele Wähler verlieren - die Sympathiewerte für die "Boches" seien zwar so gut wie noch nie, doch noch immer viel zu schwach, um sich damit Stimmen zu holen. Francois Mitterand hatte ausser dem Redakteur der parteieigenen Zeitung "L'Unité“ einige wohlgesonnene Journalisten eingeladen aber darüber orientiert, dass es sich um eine rein private Reise incognito handle und dass er, Mitterrand, es begrüssen würde, wenn man das respektieren könnte. Was man auch tat. So gewann er mit der „Stillen Kraft“ in Frankreich, und hatte sich nun anderen Aufgaben zuzuwenden, als der Anerkennung einer couragierten Bürgerin in Rothenburg ob der Tauber. Erst als seine zweite Präsidialperiode zu Ende ging, wurde seine Kollaboration mit der Pétain-Verwaltung aufgedeckt.                    

Mitterrands Vichy-Verstrickungen erst 1995 offengelegt. Erst 1995 wird deutlich, was Mitterrand 1981 vor einer zu grossen Demonstration der Sympathiekundgebung mit deutschen Freunden abhielt und was ihn ein halbes Jahrhundert plagte. Dem wahrscheinlich angesehensten französischen Journalisten Pierre Péan war es vorbehalten, in seiner Biographie „Der junge Mitterrand“ die Verstrickungen des mittlerweile todkranken Präsidenten zu enthüllen. Ein Aufschrei ging durchs Land: da hatte diese Sphynx doch mehr als eineinhalb Jahre an verantwortlicher Stelle im Vichy-Regime mitgearbeitet. Enttäuscht wendet sich Mitterrands kluger persönlicher Berater, der in Algier geborene jüdische «Pied Noir» Jaques Attali von ihm ab, hatte er doch mit ihm immer wieder über Vichy gesprochen und er den Unwissenden gemimt. Dabei war er mit wichtigen, auch an der Judenverfolgung Beteiligten noch immer vernetzt, wie beispielsweise dem damaligen Polizeisekretär René Bousquet. Und das kam so:
Nach einem mit besten selbstgefertigten Papieren und in die Kleidung eingenähten Reichsmark gewagten zweiten misslungenen Fluchtversuch bei Metz soll er nach Polen verbracht werden; doch gelingt ihm kurz zuvor sein dritter höchstgefährlicher Versuch. Von hier aus verzieht er sich aus dem direkten Überwachungsbereich des von Nazi-Barbaren besetzten Frankreich über die Demarkationslinie in die südliche von der Pétain-Regierung kontrollierte und unbesetzte, mit den Nazis aber zusammenarbeitende Landeshälfte nach Vichy. Er hat Bekannte und Verwandte, die in der Vichy-Regierung dienen. Und auch er ist – ausgebrannt von zweieinhalb lebensbedrohlichen Jahren – zuerst einmal nicht unglücklich in einem Regime, das kein weiteres Blutvergiessen mehr will und gegen eine mit modernsten Waffen ausgestattete Armee, die einen Teil seines Landes mit einem Blitzkrieg besetzt hatte. Doch der Preis für diese Art von Waffenstillstand war hoch. Hatte man dort nicht durch die Vichy-Polizei den ehemaligen Sozialistischen Regierungschef Léon Blum auf Anweisung der Nazis festgenommen und über die Demarkationslinie in die Hände der Gestapo gegeben, so dass er bald einmal im KZ landete und dort sein Leben verlor? Hatte man nicht die Wünsche bzw. Auflagen der Hitlerbarbaren aufgenommen und die französischen Juden zusammengetrieben und in Viehwagons 14‘000 Kinder, Frauen und Männer in die KZ-Gaskammern geschickt und dadurch ebenfalls Schuld auf sich geladen? Hatte man den beiden – und vielen anderen – Sozialdemokraten Rudolf Breitscheid und Rudolf Hilferding 1941 nicht einmal in Arles die Ruhe des Untertauchens gelassen, sondern sie gefasst und gefesselt der Gestapo zu ihrer Ermordung ausgeliefert? Im Frühjahr 1943 zeitweise und ab November 1943 ist Mitterrand in Paris in der Résistance aktiv, fliegt zu Charles de Gaulle nach Algier und heiratet eine Résistancekämpferin der ersten Stunde, seine Danielle mit dem richtigen Stallgeruch. Doch schwebt über ihn zeitlebens dieses Damoklesschwert, dass seine wahre Vichy-Tätigkeit bekannt würde.
Wer in Frankreich wie François Mitterrand eineinhalb Jahre Mitläufer der Vichy-Verwaltung war, wurde bei der Libération streng bestraft, auch wenn er nur versucht haben sollte, pragmatisch das Beste aus der Situation zu machen. Er war ja kein Nazi – die kamen in Deutschland sogar bei Mittäterschaft problemlos ungeschoren davon. Dass Pétain den sozialistischen ehemaligen Regierungschef Léon Blum den Nazis ausliefert, kann Mitterrand in seiner Funktion ebenso wenig verhindern wie die Judenzusammentreibung und ihre Deportation in die Konzentrationslager. Das einzige, was er tun kann, ist innerhalb der vereinbarten Strukturen das Leben der Kriegsgefangenen zu erleichtern. Sein Freund Jean Munier engagiert sich wie auch er selbst in der Widerstandsgruppe von Antoine Mauduit, die sich «La Chaine», die Kette zur Verbesserung der gegenseitigen Kriegsgefangenenhilfe nennt. Er wohnt ab seiner Ankunft im Februar 1942 in Vichy in einem Haus, dessen Besitzer Renaud Waffen und Motorräder einsammelt, die amerikanische Flugzeuge mit Fallschirmen abwerfen. Sein Sohn Jean beklagt sich noch im Jahre 2015, dass sein Vater von den Nazis abgeholt worden sei, als Mitterrand dort auszog. Er hatte von Februar 1942 bis 11. November 1943 dort gewohnt. Ein halbes Jahrhundert lang wird er abstreiten, dort aktiv tätig gewesen zu sein. Ich als Deutscher der nächsten Generation fühle mich nicht im Recht, Mitterrand in diesem Zusammenhang etwas vorzuwerfen oder ihn gar zu verurteilen; ich fühle mich höchstens aufgefordert, mich im Namen meiner Kultur für das Leid zu entschuldigen, das ihm und seinen Opfern die Generation meines Vaters gebracht hat. All das, was man ihm in bezug auf Vichy vorwirft, war nicht von ihm gewollt und wurde gegen seinen Willen, aber auch nicht gegen seinen Widerstand von anderen angeordnet und durchgesetzt. Oder gibt es mir unbekannte Gegenbeispiele? Hat er nicht auch unsere Nachsicht und unser Mitleid verdient?

«Niemands» erneut vergessene «Tochter»
Lebenslang erzählt Mitterrand seine Fluchtgeschichten ohne eine Episode, die ihm in Rothenburg ob der Tauber passierte und die in diesem Dokument erstmals beschrieben wird. Denn niemand hätte François Mitterrand die Unterbringung der beiden französischen Kriegsgefangenen in Rothenburg geglaubt, sondern hätte sie als Beweis dafür dargestellt, dass er direkte Fluchthilfe durch den Nazi-Kollaborateur Yves Dautun genoss. Gleichwohl war François Mitterrand 1981 drauf und dran, diese Episode bekannt zu geben. Doch weil ihm die Wahl zum Staatspräsidenten wichtiger war, verzichtete er schliesslich darauf und nahm sie mit ins Grab. Wir schildern sie hier unter Einbezug aller uns heute vorliegender Tatsachen, Indizien und Erkenntnisse, und sie tönt so unwahrscheinlich wie paradox: der entflohene und zur Suche ausgeschriebene Kriegsgefangene François Mitterrand versteckte und verpflegte sich mit seinem Begleiter Xavier Leclerc während seiner ersten Flucht am 10./11. März 1941 in der Hochburg der Nationalsozialisten Rothenburg ob der Tauber. Für die Nationalsozialisten galt dies nicht nur in Bezug auf das Stadtbild, sondern auch ideologisch und parteipolitisch. Bei der Reichspräsidentenwahl vom 13. März 1932  mit einer Wahlbeteiligung  von 96,6% (!) hatte  Adolf Hitler 87.5% der Stimmen erhalten, sodass Rothenburg  "der beste nationalsozialistische Wahlkreis ganz Deutschlands" war. Alle Parteibonzen, von Hitler über Goebbels und Göring, kamen hierher einschliesslich ganzen Sonderzügen der Nazi-Kuppelaktion "Kraft durch Freude". Und in diesem von den Nazis durchseuchten Städtchen soll er 1941 gewesen und nicht festgenommen worden sein? Unter diesem Damoklesschwert soll es eine Frau gewagt haben, Menschlichkeit und Barmherzigkeit zu zeigen und  Flüchtenden und Deserteuren Unterschlupf zu bieten? Die 1903 geborene und in ihrem Haus Alter Keller 17 wohnende Maria Staudacher, eine 1943 mit dem Goldenen Nazi-Mutterkreuz geehrte Mutter von acht Kindern, hatte seit der Machtüberahme durch Hitler den Mut, immer wieder Flüchtende in Not in ihr Haus aufzunehmen. Ein Verhalten, das Mitterrand im Gespräch mit Elie Wiesel als «archaisches Mitleid» bezeichnet hatte und das ihm hier in Deutschland begegnet sei. Obwohl Maria Staudacher diese Flüchtenden ganz alleine möglichst unter Abschirmung vor ihren Kindern aufnahm und mit ihnen darüber nicht oder nur im Notfall redete, wussten davon nicht im Detail aber generell ihr Mann, ihre vier älteren Kinder, ihr buckliger Schwager, ihre kommunistische ins KZ gesperrte Freundin, ihre in der Adventistengemeinde Mitbetenden, François Mitterrand, ein nazikritischer evangelischer Pfarrer, ein sozialistischer Kostgänger, der im KZ umgebrachte kommunistische beste Freund ihres Mannes, und ein Meerretichkren- und Pfefferminztee-Hausierer.

All diese Personen wussten prinzipiell, dass Maria Staudacher im Zweiten Weltkrieg Flüchtlinge versteckte, aber keiner denunzierte sie; einige* sandten ihr wahrscheinlich auch Hilfsbedürftige zu:
  • Ihre durch die Nazi-Propaganda verängstigten vier ältesten Kinder Wilhelm (Jg. 1928), Gretel (1932), Wilma und Erich (1935); später auch Frieda (1938), Hans (1940), Werner (1942) und Fritz (1943/Autor dieses Berichtes).                                                                                      
  • Ihr eigener die NSDAP-Mitgliedschaft ablehnender und deswegen zum Arbeitsdienst eingezogener Mann; er sah auch die grosse Gefahr, entdeckt zu werden, verbot es ihr aber nicht; war vielfach im Arbeitsdienst, später ab Herbst 1943 in Italien im Kriegsdienst.                                                                                                                                                          
  • Ihr ebenso verängstigter sozialdemokratischer und wegen einer Rückratsverkrümmung selbst euthanasiegefährdeter buckliger Schwager Fritz Flohr, Patenonkel ihrer Sohnes Erich und Pflegevater ihres Sohnes Fritz; Fritz Flohr, der aus rassistischen Gründen nicht zur Meisterprüfung als Flachmaler zugelassen wurde, bezeichnete  seine Schwägerin Maria unter vier Augen als Schlampe, weil sie die eigene Familie durch die Aufnahme von «Volksfeinden» unverantwortlichen Risiken bis hin zu ihrer eigenen Erschiessung  durch die Nazis aussetzte; doch das beeindruckte sie nicht gross und antwortete, eine schwangere Frau werden sie wohl nicht wagen, zu erschiessen.

  • Ihre kommunistische Bekannte Anna Flohr*, entfernt verwandte Rothenburgerin, in Frankfurt mit ihrem Mann ins KZ eingeliefert. Sie kannte Marias Hilfsbereitschaft aus den Dreissiger Jahren;

  • Ihre Siebentagsadventisten*, mit denen sie samstags betete und die zunehmend untertauchen mussten seitdem sie aus der evangelischen Kirche ausgetreten war.

  • Der evangelische Pfarrer Felden*, der wegen Unbotmässigkeit gegenüber den Rothenburger Nazis der Bekennenden Kirche zugeordnet werden dürfte und rasch an die Kriegsfront beordert wurde, wo er umkam.

  • Ihr wöchentlich erscheinender sozialistischer Kostgänger Wilhelm Löslein,* mit Kontakten ins linke Milieu;

  • Der beste, im KZ umgekommene Freund ihres Mannes.

  • Ihr Meerettichkrenstangen und Pfefferminztee-Hausierer X. Y.* aus dem Nürnberger Knoblauchsland; kam mindestens zweimal pro Jahr eine Woche nach Rothenburg und übernachtete in der Wohnstube; war immer unterwegs und begegnete zahlreichen Suchenden.

  • Ihr für die französischen Kriegsgefangenen zuständiger François Mitterrand,* der am 10./11. März 1941 selbst hier war und diese Adresse sicher in Fluchtweg-Verzeichnisse  aufgenommen hat. Daraus lässt sich erklären, weshalb immer wieder französische Gäste an die Haustüre klopften, die vielfach nicht abgeschlossen war.

  • Ihr 13-jähriger Hitlerjungen-Sohn «Willi» Wilhelm, der die Mutter immer wieder beschwor, damit aufzuhören. Für ihn als HJ-Führer alleine schon würde eine solche Entdeckung schlimmste Folgen haben, da er dem Feind im eigenen Haus  half. Darauf stehe nicht nur für sie die Todesstrafe, sondern auch für ihn selbst in seiner Position stehe praktisch alles auf dem Spiel. Da er der HJ des Landkreises vorstand, wollten den 17-Jährigen strengen HJ-Führer bei Kriegsende in Schillingsfürst von ihm schikanierte Bürger aufhängen. Nur dank eines schnell herbeigerufenen amerikanischen Offiziers entkam er dieser Lynchjustiz.

François Mitterrand hatte eigentlich schon im März 1981 öffentlich über diese selbstlose und couragierte Frau berichten wollen, zog es jedoch aufgrund der ungünstigen Prognose vor, seine Wahl zum Staatspräsidenten im Mai 1981 durch eine solche Aussage nicht zu gefährden. Seine Behauptung, nach seiner Flucht aus dem Kriegsgefangenenlager Ende 1941 in die Résistance gegangen zu sein, wurde erst 1995 von seinem Biographen Pierre Péan im Buch «Eine französische Jugend» widerlegt.


François Mitterrand wäre 1981 und 1988 wahrscheinlich kaum zum Staatspräsidenten gewählt worden, hätten die Wählerinnen und Wähler sein Vichy-Engagement damals gekannt. 1981 wollte er ursprünglich seiner Schilderung der Flucht quer durch Deutschland eine Episode hinzufügen, welche einer deutschen Frau viel Courage zuspricht und ihn und Leclerc am 10./11. März 1941 Unterschlupf bietet. Und das inmitten der Nazi-Hochburg Rothenburg ob der Tauber. Aber das Feindbild des Deutschen in Frankreich war damals noch viel zu gross, als dass man ihm das so ohne Weiteres abgenommen hätte. Sofort wäre der Gedanke der Kollaboration mit den Deutschen aufgetaucht.    

Unten: Nur in der Rothenburger Lokalzeitung "Fränkischer Anzeiger" erschien ein ausführlicher Beitrag - der einzige Ort, in dem François Mitterrand öffentlich zugab, 1941 schon einmal in Rothenburg ob der Tauber gewesen zu sein. Dass er am nächsten Morgen das Haus suchte, wo er vor vier Jahrzehnten bei einer couragierten Bürgerin Aufnahme fand, verschwieg er in der Öffentlichkeit.                         

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Erst im Jahre 2002 tritt «Niemands Tochter» an die Öffentlichkeit
Die bereits 1965 im Alter von 62 Jahren verstorbene couragierte Rothenburgerin und ihre Aktivitäten wurden erst im Jahre 2002 öffentlich bekannt, als ihre Biographie erschien, geschrieben von ihrem Enkel nach Berichten ihrer ältesten, heute 85-jährigen Tochter Gretel. Hätte sie ihren als Journalist und Buchautor tätigen Sohn nicht immer wieder diese und weitere andere Ereignisse so lange erzählt, bis er sie als Buch zusammenfasste (Gunter Haug: «Niemands Tochter – auf den Spuren eines vergessenen Lebens», Verlag edition.inspiration), dann wüsste man nichts von dieser Widerstandskämpferin auf ihre sanfte Art. Er macht damit nach sechs Jahrzehnten erstmals publik, was wohl die Familie wusste, aber niemals nach dem Krieg diskutiert hat:  – Beweis 1 - dass Mutter Maria Staudacher im Zweiten Weltkrieg immer wieder Flüchtende ins Häuschen genommen hatte, auch Deserteure; im März 1945 wurde einer beim Verlassen der Stadt verhaftet und an der Friedhofsmauer standrechtlich erschossen, ohne seinen vorherigen Aufenthaltsort verraten zu haben. –  Dass 1981 Mitterrand nach seiner Flucht  als Kriegsgefangener 1941 schon einmal in Rothenburg war, wissen vom «Fränkischen Anzeiger» vom 8./9. März 1981 aus einem Bericht von Dieter Balb, in dem – Beweis Nr. 2 – Mitterrand bestätigt, dass er vor 40 Jahren "ein Stück durch die Stadt gelaufen" sei.

Im April 2002 bei der Buchpremiere von „Niemands Tochter“ durch Gunter Haug in Rothenburg meldet sich der Lehrer und Dokumentarist von Nazi-Verbrechen in Oradour und Brettheim, der Träger des Würzburger Friedenspreises Thilo Pohle – Beweis Nr. 3 – : er habe am 6. März 1981 Willy Brandt mit François Mitterrand im Alten Stadtgraben beim Betrachten des Krauss-Häuschens gesehen – wahrscheinlich waren hier auch noch Jean Munier und Roger-Patrice Pelat dabei, die Pohle aber nicht kannte. Da standen sie fünfzig Meter Luftlinie vom Häuschen von „Niemands Tochter“ entfernt. Laut Pohle habe ihm Wilhelm Staudacher, ältester Sohn, im Frühjahr 1981 nach dem Erscheinen des Artikels von Dieter Balb über den Brandt/Mitterrand-Besuch im «Fränkischen Anzeiger» gesagt, dass seine Mutter immer wieder einmal französische Flüchtlinge versteckt hatte. «Willi, hätte ich das gewusst, als ich am 6. März den Willy Brandt im Alten Stadtgraben  sah, ich hätte ihn mit Mitterrand direkt an Euer Häuschen geführt!»
Viertens deutet ein Plan in Mirows Reiseunterlagen darauf hin, den Gunter Haug im Juli 2002 im Willy-Brandt-Archiv in Bonn auf einem Prospekt des Hotels „Goldener Hirsch“ entdeckt hat und auf den jemand die beiden Worte „vieux“ für „alter“ und „cave“ für „Keller“ übersetzt hatte: da Brandt, Seebacher und Mirow beide Sprachen beherrschten, dürfte es für oder von Mitterrand, Munier und/oder Pelat eine wortwörtliche Übersetzung gewesen sein, die nicht so weit geht wie nötig: denn als als zusammenhängender Begriff muss es "vieille cave" heissen, im Französischen ist es "die" cave, also "die alte Keller". Beim Besuch von Gunter Haug und Fritz Staudacher  im Juli 2002 im Willy-Brandt-Archiv bestätigte – Fünftens – Brigitte Seebacher, dass sie 1981 in Rothenburg dabei war, dass Mitterrand ausdrücklich dort Quartier machen und zur Pressekonferenz einladen wollte, dass er hier 1941 Unterschlupf gefunden hatte, und dass man vollkommen überrascht war, dass in der französischen Presse nichts über diese Reise zu lesen war; das sei doch Mitterrands Antrieb gewesen, diese Reise zusammen mit Willy zu machen. Und dass er Mirow anrufen könne, um noch mehr zu erfahren, dieser sei Reiseleiter gewesen und jetzt in Hamburg Senator, was Gunter Haug tat: Thomas Mirow bestätigte – Beweis Nr. 6 – , dass es Mitterrand gewesen sei, der unbedingt in Rothenburg incognito Quartier machen wollte, weil er ein kleines Häuschen suchen wolle.

Immer mehr Indizien. Öffentliche Hinweise auf eine couragierte Widerstandskämpferin gibt es im Jahre 2003. Die tapfere Frau in Rothenburg war schon seit 1965 tot, aber ihre Tochter Gretel lebt noch heute in Gomadingen bei Reutlingen. – Beweis Nr. 7 – Sie hat diesen Franzosen mit den markanten Augenbrauen 1941 zusammen mit zwei anderen in der Wohnstube Suppe essen gesehen. Als ihr Sohn Gunter 2003 einige Fotos aus dieser Zeit – darunter eines mit dem 23-jährigen François Mitterrand – zur Identifikation vorlegt, erkennt sie ihn eindeutig wieder. Dazu kommt sie wieder darauf zu sprechen, dass sie ihre Mutter ja vor der Unterbringung der Flüchtlinge vor dem Hintergrund gewarnt hat, dass der Blockwart bereits ums Haus schleiche und dass dieser kurz darauf schon bei ihr an der Haustüre stand und ihn zuruft: „Staudachere, da stimmt was net bei dir im Haus. Pass bloß auf. Nicht, dass ich dich erwische!“  Gretel habe ihr daraufhin auch gesagt, sie solle vorsichtiger sein, „sonst stellen die dich an die Wand und erschießen dich“ - worauf ihr Maria in ihrem grenzenlosen Gottvertrauen, begleitet von einer gewissen Naivität und überbordender Mitmenschlichkeit, nur geantwortet habe: „Ach was - eine Schwangere erschießen die nicht!“






           – Beweis Nr. 8 –.
Im Jahre 2003 ehrt die damalige Bundesfamilienministerin Renate Schmidt anlässlich des Jubiläums ihres 100.Geburtsjahres posthum Maria Staudacher in einer beeindruckenden Ansprache im Rothenburger Rathaus und dokumentiert dies mit der Anbringung einer Gedenkplakette am kleinen Häuschen im Alten Keller 17. Indem die Bundesministerin für Familie,Jugend und Soziales Renate Schmidt 2003 zum Jubiläum ihres Geburtstages Maria Staudacher ehrt, wird sie auch von staatlicher Stelle erstmals offiziell wahrgenommen. In einer Geschichte des deutschen Widerstandes gegen Hitler hat die Courage einer solchen einfachen Frau allerdings keinen Platz.


Erster Hinweis in einer französischen Publikation im Jahre 2016. Seit 2002 ist der Verfasser dieses Berichtes mit dem Institut François Mitterrand in Kontakt und trifft sich 2002 und 2005 mit Roland Dumas und Georges Saunier in Paris, 2005 auch im Beisein von Gunter Haug. Man bestreitet diese Erkenntnisse nicht und stimmt mit kleinen Korrekturwünschen der Veröffentlichungsfreigabe einer entsprechenden Medieninformation zu - Beweis Nr. 9 - verfügt angeblich aber selbst über keinerlei Dokumente zum Thema Rothenburg. Doch In die Datenbank des Institut François Mitterrand findet sie keinen Eingang und ist die Antwort auf das Suchwort "Rothenburg" nach wie vor negativ. Niemand wüsste deshalb etwas mit dem Satz anzufangen, den François Mitterrand am 6.3.1981 auf die Rückseite einer Postkarte mit dem Rothenburger Rathausportal geschrieben und an seine Geliebte Anne Pingeot nur mit einem F. unterzeichnet nach Paris geschickt hatte: „Eine Türe, die sich in die Freiheit öffnete“. Als Dokument 1148 ist es im Liebesbriefband Mitterrands „Lettres à Anne“ aufgeführt. – Beweis Nr. 10 –


Mitterrands Postkarte an Anne zeigt dieses Rathaus-Eingangsportal zu Rothenburgs Altem Rathaus. Öffnet man diese Renaissance-Türe und folgt man der breiten Treppe nach oben, so gelangt man in den grossen Kaisersaal des gotischen Rathausgebäudes der alten Stauferstadt. Wählt man den Weg die Treppe abwärts, so öffnen und schliessen sich im Kellergewölbe vom Wärter bewachte Türen in das Gefängnis mit dunklem Kerker und Verliess sowie mit dem Raum für die Folterwerkzeuge zur hochnothpeinlichen Befragung. Hätte eine couragierte Rothenburger Bürgerin Mitterrand 1941 nicht Unterschlupf gewährt, sondern hätte ihn die Gestapo entdeckt, so hätte sie ihn abwärts geführt. Im Jahre 1981 geht es für ihn eindeutig treppauf, denn diesmal ist er selbst Staatsgast in Begleitung des ehemaligen Bundeskanzlers und Friedensnobelpreisträgers Willy Brandt, der sich mit ihm im Rathaus ins Goldene Buch der Stadt einschreibt. Diese Postkarte, mit dem gleichen Rathauseingangsmotiv wie hier abgebildet, ist das erste Dokument der französischen Geschichtsschreibung, welches nachweist, dass Mitterrand zweimal in der „deutschesten aller Städte“ war, wie Rothenburg ob der Tauber von der Hitlerpropaganda genannt wurde. François Mitterrand traf hier auf seiner Flucht am 10. März 1941 keinen der hier zu Macht gekommenen Nazi-Mörderbande, sondern eine Frau, die nicht wusste, wer er war und was aus ihm einmal werden würde. Maria Staudacher wusste nur, dass es ein, zwei oder drei Menschen in Not und vielfach in Todesangst waren, wenn sie an ihre Haustüre klopften, und sie ihnen, so gut sie konnte, Schutz bot. Immer wieder in diesen trostlosen Jahren.


Kommt mein Freund Alain Mauroy an die Quellen?  
Anfang Oktober 2016 lerne ich bei einem vom Institut François Mitterrand (IFM) einberufenen zweitägigen Centenaire-Colloquium zur Aussenpolitik Mitterrands im französischen Aussenministerium am Quai d'Orsay Herrn Dr. Alain Mauroy kennen. Er habe noch niemals gehört, dass der ehemalige Staatspräsident zweimal in Rothenburg ob der Tauber gewesen sein soll, antwortet er mir, als ich ihm den Grund meiner Teilnahme an diesem Jubiläumsevent schildere, aber er interessiere sich sehr dafür und wünscht sich darüber meinerseits Unterlagen. Kurz darauf macht er mich mit Gilbert Mitterrand  - jüngster Sohn des Jubilars - ebenso bekannt, wie mit Gilles Ménage, wichtigster Topmanager des Mitterrand-Kreises und Generalsekretär des IFM. Der Maître des Conférences Dr. Georges Saunier, mit dem zusammen ich auf Einladung von Dr. Roland Dumas 2002 und 2005 meine Suche nach Dokumenten besprochen hatte, und der mir mit einem vom Ehepaar Jean und Ginette Munier speziell verfassten Schreiben über Mitterrands "Reise in die Vergangenheit" 1981 zu einem einzigartigen Dokument über die Anlegung falscher Fährten verhalf - Beweis Nr. 11 (siehe Anhang) - war da, und natürlich auch sein damaliger Chef, der mittlerweile 94-jährige Roland Dumas, der sich trotz unserer beiden freundschaftlichen gemeinsamen Mittagessen vor einem guten Jahrzehnt in Paris nicht mehr an mich erinnern mag - "Ja, das Alter!" meinen Saunier und Mauroy entschuldigend. Zurück in Widnau, sende ich Alain - "Fritz - je m'appelle Alain; alors, on se tutoye!" - Gunter Haugs Erstausabe von "Niemands Tochter" mit Hinweisen auf die relevanten Seiten und teilweise erste Rohübersetzungen. Er hat Gilbert Mitterrand versprochen, ihm diese Seiten ins Französische zu übersetzen. Drei Wochen später bin ich wieder nach Paris eingeladen - diesmal zur Feier von Mitterrands künstlerischen Initiativen in den Louvre, wo ein Jean Nouvel ebenso über Mitterrand spricht wie der Filmregisseur Costa-Gavras, und natürlich Jack Lang und seine Florence Adler. Diesmal wollte ich in der Mittagspause einen auf dem Podium über Mitterrand dozierenden Vichy-Arbeitskollegen 
sprechen, doch er war unmittelbar nach dem Auftritt ebenso gleich verschwunden, wie Jacques Attali, der 1981 als Mitterrands Reiseleiter in Rothenburg dabei war, der jedoch bis anhin alle meine schriftlichen Anfragen unbeantwortet gelassen hatte. Da mir Alain diesmal ein feines Restaurant nur einige Minuten ausserhalb des Louvre empfiehlt, eilen wir dorthin und suchen es, ohne es aufsuchen zu können - es ist leider geschlossen! Als wir endlich nach über zwanzig asiaischen Restaurants ein klassisches französisches Restaurant entdecken, geht alles ein wenig gemächlich zu, sodass wir mit einer Stunde Verspätung das Nachmittagsprogramm antreten - dem einen fallen dabei die Augen zu, und der andere kann ihn im letzten Moment genau beim Ansetzen des zweiten "Ronfleur"-Schnarchlautes noch wecken. Zurück in der Schweiz, attackiert ein in Frankreich stehender Server mein eMail-Konto und löscht alle Adressen. Denen schreibt man in meinem Namen mit meinem Absender, ich sei in Belgien in einer misslichen Lage, und würde dringend Cash benötigen - und das in drei Sprachen, entsprechend der Adresse des Empfängers. Ich kann nicht reagieren, sondern nur Bankverbindungen kappen und mit einem neuen Passwort neu starten: zweimal buchen mit einer von mir nicht benutzten Kreditkarte daraufhin Cyberkriminelle jeweils 1250 Franken in den USA ab; allerdings kümmert sich die Bank, die diese Kreditkarte ausgegeben hat. um den Ausgleich dieses Betrages.

Auch von meinem Freund Alain fehlt nach meiner Rückkehr in die Schweiz monatelang trotz wiederholten Anschreibens jedes Lebenszeichen; natürlich auch mit meiner Frage, ob der Grund seines Schweigens der sei, dass ich etwas falsch gemacht habe. Dr. Alain Mauroy, während beider siebenjähriger Präsidentschaftsperioden Mitterands dessen Protokollchef und mit dem Innersten vertraut, schreibt mir am 9. Februar 2017:                                       

Sois sûr, mon cher Fritz, que tu n'es nullement malhonnête vis-à-vis de personne !!!

                       Au contraire, tu es le dépositaire d'un moment historique considérable qui te hante, à juste titre, parce qu'il est une partie très importante et lumineuse de la vie de ta famille et avant tout de ta mère, femme anonyme parmi tant d'autres dans ces temps affreux, mais d'un courage hors du commun, qui, dans un moment extrêmement dangereux de son histoire familiale et personnelle, a su prendre, en Allemagne-même, sans vraiment les mesurer, des risques inconsidérés, terribles, extraordinaires, d'un courage extrême dans un environnement de nazis inhumains, cruels, sans pitié, qui auraient pu la tuer à la seconde, sans hésitation, sur place, pour avoir hébergé chez elle à Rothenburg, même pour quelques heures, einen französische entflohene Sträfling (ou einen entlaufene Häftling, quelle est la meilleure expression ?).

                       Nous devons à jamais saluer ta mère, cette femme admirable de courage, pour les risques énormes qu'elle a pris en hébergeant, même pour quelques heures, un fugitif. François MITTERRAND l'avait si bien compris et en avait si pleinement conscience qu'il en avait parlé à ses amis allemands et cherchait avec eux, avec opiniâtreté, à retrouver celle qui l'avait accueilli à l'heure des plus grands périls.

                       Ce que tu me dis d'une carte postale de F.M. à Anne PINGEOT en 1981 est intéressant, et comme tu le souhaites, mon cher Fritz, je vais consulter sur cet épisode l'ami Gilles MENAGE. Un heureux hasard veut que le 22 février à 18 h 30, un film de Frédéric MITTERRAND sur son oncle, "Le pays de l'innocence", soit projeté à l'Assemblée nationale, suivi d'une réception. J'y assisterai, bien sûr. Mais il existe peut-être une autre piste à solliciter, je pense, avec quelque chance de succès, celle de Mme Paulette DECRAENE, qui fut, comme tu le sais, depuis l'origine et pendant les deux septennats, LA secrétaire du grand homme. Je lui ferai part de tes recherches. 

Bien amicalement. ALAIN


(In Deutscher Übersetzung) « Mein lieber Fritz, Du bist niemals unhöflich gewesen, gegenüber niemanden! Im Gegenteil beschäftigst du dich mit einem bemerkenswerten historischen Moment, der einen sehr wichtigen und leuchtenden Abschnitt des Lebens deiner Familie und besonders deiner Mutter darstellt, eine der anonym gebliebenen Frauen in dieser schrecklichen Zeit, welche jedoch mit ausserordentlichem Mut zu einem für sich und ihre Familie extrem gefährlichen Zeitpunkt direkt in Deutschland in einer unmenschlichen, schrecklichen, mitleidlosen Nazi-Umgebung unerschrocken und ohne Abwägung die grössten Risiken bis hin zu ihrer standesrechtlichen Erschiessung auf sich nahm, um einen entlaufenen Kriegsgefangenen, selbst wenn es sich um nur wenige Stunden handelte, Unterkunft zu bieten. Wir sollten diese bewundernswerte Frau deshalb nie vergessen. François Mitterrand hatte dies so gut verstanden und zu seinen guten deutschen Freunden so vollständiges Vertrauen, dass er darüber mit ihnen sprach und  hartnäckig jene Frau suchte, die ihn in den Stunden seiner grössten Gefahr Schutz bot.“ Er werde über die von François Mitterrand an Anne Pingeot adressierte Postkarte und persönliche Nachweise Mitterrands aus dieser Zeit mit Gilles Ménage sprechen und ebenso über die Genehmigung der Einsichtnahme in die von Mitterands langjähriger erster Sekretärin Paulette Decraene klassierten damaligen Reiseunterlagen. 

Vom mit François Mitterrands vertraulichen Dingen am engsten vernetzten Diplomaten und obersten persönlichen Sicherherheitsmann eine eindeutige Bestätigung, ohne jedoch mehr preiszugeben. Toll, wie sich ein neu gewonnener Freund um die geschichtliche Erkenntnis und die Amitié Franco-Allemande bemüht! Merci mille fois ! 

Doch im April schreibt mir Alain, dass er sich wegen seiner pflegebdürftigen 93-jährigen Mutter und den Präsidentschaftswahlen im Moment nicht mehr um "Mitterands Rothenburger Abenteuer 1941" kümmern könne. Ich antworte ihm am 17. April 2017, dass ich das verstehe aber mich wundere, welche Festung doch um Mitterrands Aufzeichnungen angelegt sein müsse, dass selbst er als enger Bekannter der massgeblichen Persönlichkeiten nach vier Monaten noch keinen Bericht darüber vorlegen könne. Und: die diplomatisch formulierten "Abenteuer Mitterrands 1941 in Rothenburg" würden mich schon interessieren. Meine Mutter habe mit armen und bedrohten Menschen ganz einfach Mitleid gehabt, und sie habe das Leben geliebt. Ich schreibe ihm also unter Beifügung bereits mehrfach von ihm angeforderter und zugesandter Kopien folgendes eMail:                                                                                                                                                                                                                                       BONJOUR MON CHÈR ALAIN -

TU AS COMPLÈTEMENT RAISON: LA VIE D'AUJOURHUI EST BEAUCOUP 
PLUS IMPORTANTE QUE CELLE D'HIER.MAIS QUELLE FORTERESSE DOIT AVOIR ÉTÉ  BATI  AUTOUR DES NOTICES 
DE F.M. QUE MÊME POUR TOI - BON AMI DE GILLES MÉNAGE
ET BON  COLLÈAGUE DE LA SECRETAIRE No 1 DE F,M. -
IL N'ÉTAIT POSSIBLE D'ÉDUTIER CES DOCUMENTS. 
MERCIE QUAND-MÊME POUR TA PATIENCE ET TON ZÈLE COMBINÉ AVEC TON AMITIÉ. 

JE TE REMERCIE POUR TON INDICATION  SUBTILE ET DIPLOMATIQUE - 
 AU MOINS UNE PETITE INDICATION - MAIS J'AIMÉRAI SAVOIR PLUS
SUR LES AVENTURES ROTHENBOURGOISES DE NOTRE MITTERRAND 1941!  
MA MÈRE AVAIT PITIÉ AVEC LES PAUVRES ET ELLE AIMAIT LA VIE.

 AMICALEMENT FRiTZ

Fortsetzung folgt (hoffentlich noch dieses Jahr!




Doch wie sieht man François Mitterrand in Frankreich selbst?

François Mitterrand charakterisiert von Pierre Péan:

 „Ein freier Mensch, der nichts ebenso liebte wie die Politik,
die Geschichte, die Literatur, und die Frauen – das ist Mitterrand,“

sagt der französische Journalist Pierre Péan, der mit seinen Biografien über den jungen François und den älteren Staatschef Mitterrand beachtliche neue Aspekte ans Tageslicht brachte.

„François Mitterrand verwahrte sich dagegen, in irgendeinen Rahmen gepresst zu werden, also in eine einzige Liebe, in eine einzige Freundschaft, in eine einzige Ideologie oder in eine einzige Religion; er unterhielt hingegen gleichzeitig eine einzigartige Beziehung mit Jedem oder Jeder, getreu seiner Überzeugung, niemals von sich aus eine Verbindung aufzulösen, die er selbst aufgebaut hatte. Diese schreckliche Ambivalenz als Ausdrucksform seiner Freiheit konnte auch als eine diabolische Perversion aufgefasst werden, wo sie doch nur der Reflex seiner Persönlichkeit war. Eine solche Persönlichkeit konnte nicht anders, als diejenigen zu verunsichern, die sich ihm näherten. Er hatte eine besondere Art zu verführen, im anderen den Wunsch zu erwecken, sich ihm zu nähern, und gleichzeitig auf Distanz zu gehen und dadurch Frustrationen zu erzeugen oder Liebe zu entfachen und/oder Hass. Sein Verhalten konnte ihm Nahestehende bis in den Wahnsinn treiben. François de Grossouvre und mindestens zwei seiner Ärzte (Gubler und Kalfon) illustrieren das selbst bestens.“


François Mitterrands Pascalsche Chimäre
"Welche Chimäre ist er doch, dieser Mensch? Welche Neuheit, was für ein Monster, welches Chaos, welch widersprüchliches Subjekt, was für eine Verschwendung? Richter über alles, Dummkopf, Regenwurm, Behüter des Wahren, Kloake der Ungewissheit und der Fehler, Glanz und Glied des Universums, das dieses Durcheinander entwirrt." Das schreibt François Mitterrand, zitierend aus Blaise Pascals "Pensées", ein Vierteljahr vor seinem Todin seinem allerletzten Brief an seine Anne Pingeot. Ihm selbst war es vergönnt, einige Durcheinander zu entwirren, aber dabei viel mehr neue Durcheinander bei anderen zu schaffen.


Vielleicht kann auch der Verfasser eines Buches über den Mathematiker und Philosophen Blaise Pascal, Mitterrands kluger Berater Jacques Attali, der 1981 François Mitterrand bei seiner Reise in die Vergangenheit auch nach begleitete, noch etwas dazu beitragen. Doch ich bin skeptisch. Ende Mai 2017 hatte er mein eMail von Mitte April 2017 und eine erneute postalisch zugestellte Anfrage nicht beantwortet. Die Wahlen haben Vorrang - dafür habe ich Verständnis!. Aber sie sind schon lange vorbei. 



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Marktplatz von Rothenburg ob der Tauber. Links das gotische Alte Rathaus; direkt angebaut das Renaissance-Rathaus. 1981 trägt sich François Mitterrand mit Willy Brandt ins Goldene Buch der Stadt ein. Foto: Andrea Müller.
Bild unten: Blick auf die Stadt aus westlicher Richtung, in die Mitterrand und Leclerc am späten Abend des 11. März 1941 die Stadt wieder
verlassen. In Bildmitte (dunkelbrauner Holzkasten) das Hotel "Goldener Hirsch", in dem Mitterrand und Brandt am 5./6. März 1981 übernachten.
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Bild unten: Wassily Kandinsky: Old Town II (1902) im Centre Beaubourg / Pompidou , Paris.
Kandinsky malt mit Gabriele Münter in Rothenburg  ob der Tauber.
 
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A N H A N G - BEWEIS No 11 - ((  GRÜNE SEITEN AM SCHLUSS  ))   

Geschichtsklitterung durch das Institut François Mitterrand

DIE  FALSCHE  FÄHRTE









Weiterungen deutsch-französischer Freundschaft bis zur Parteienspendenaffäre Helmut Kohls

Freund und Wohltäter Helmut Kohls. Wer sich so ausführlich mit François Mitterrand beschäftigt und mit lebenden Zeitzeugen und persönlichen Freunden nach seinem Tod in Kontakt kommt, wie der Verfasser dieser Zeilen, ist nicht nur positiv beeindruckt von der Gastfreundschaft, dem Stil und der Klasse des Erinnerns an den grossen Franzosen sowie negativ berührt von der Verheimlichung von Zeitdokumenten, sondern auch staunend über die zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel, die alleine das Institut François Mitterrand (IFM) besitzen muss und für die es auch ein Klacks zu sein scheint, Mitterrands ausserehelicher Tochter Mazarine eine millionenschwere Genfer Wohnung zu vererben. Dieser finanzielle Schatz wird unter Information und Zustimmung so professioneller Vertrauter wie dem Juristen und ehemaligen Aussenminister Roland Dumas sowie Sohn Gilbert Mitterrand und weiteren Angehörigen, gut verwaltet und gemanagt vom ehemaligen Kabinettschef des Meisters Gilles Ménage als Generalsekretär, dem hochrangigen Ehrenpräsidenten der grössten Elektrizitätsgesellschaft der Welt Electricité de France EDF mit über achtzig Atomkraftwerken.

Ich treffe mich mit Roland Dumas 2002 zu einer Zeit, als er als Achtzigjähriger die grössten Vorwürfe und ein Urteil der Bestechung im Zusammenhang mit seiner Maitresse Christine Deviers-Joncour zurückzuweisen hat, die ihm sündhaft teure Stiefelchen geschenkt hatte – und zwar als Gegengeschenk dafür, dass er sie in eine lukrative Funktion beim den Öl-, Gas-, «Total»-Benzin- und andere Raffinerie-Derivate dominierenden Marktführer Elf Aquitaine gehievt hat, wobei auch Schwarze Provisionsgelder in zweistelligen Millionenbeträgen durch Fregattenverkäufe an Taiwan über sie hinwegflossen und in unbekannten Kanälen versickerten.

Roland Dumas war als französischer Aussenminister ebenso wie Hans-Dietrich Genscher als sein homologer deutscher Part auch im Bilde, als nach der deutschen Wiedervereinigung die von Helmut Kohl als Präsidentin der Deutschen Treuhandgesellschaft eingesetzte Birgit Breuel in der grössten Transaktion von Vermögenswerten an eine ausländische Gesellschaft den DDR-Leuna-Komplex der Elf Aquitaine mit dem politischen Wohlwollen des Bundeskanzlers zuschlug. Trotz jahrelanger Prozesse verliefen sich die Abklärungen über angeblich rund dreihundert Millionen Franc weitgehend versickerte Provisions-Kickbacks im Korruptionssumpf.

Der Nobel-Sozialist und in Frankreich mit grosser Macht ausgestattete Staatspräsident François Mitterrand hatte nach seiner in französischen Medien verdeckten «Reise in die Vergangenheit» 1981 mit Willy Brandt die Wahlen gewonnen. Damit hatte Mitterrand endlich erreicht, was ihm zuerst Charles de Gaulle, Georges Pompidou und zuletzt der liberal-konservative Giscard d`Estaing bis dahin jahrzehntelang verwehrt hatten.

Interessanterweise hatte der ehemalige Bundeskanzler Willy Brandt dabei vor den Wahlen seinen sogenannt sozialistischen Genossen François Mitterrand unterstützt, während sich der aktuell regierende sozialdemokratische Bundeskanzler Helmut Schmidt erneut den ebenfalls atlantik-anglophilen französischen Adelsspross Giscard als Partner wünschte. Entsprechend kühl gestaltete sich auch nun die Zusammenarbeit der Regierungen Schmidt und Mitterrand ohne Entende Cordiale. Einmal oben angekommen, bleibt Mitterrand im Mai 1981 beim Antritt in sein Präsidentenamt über seine freundschaftliche Beziehung zum anwesenden Willy Brandt und ihre gemeinsame Deutschlandreise ebenso still, wie bei seinem Antrittsbesuch in Bonn – ein Verhalten des vermeintlichen Freundes, das den Friedensnobelpreisträger Brandt so verletzt, dass er künftigen Einladungen aus dem Palais de l’Elysée nicht mehr Folge leistet.

Doch schon 1982 verändert ein Regierungswechsel in Deutschland erneut die deutsch-französische Partnerschaft auf oberster Stufe. Der süddeutsche katholisch-konservative Historiker und Politologe Helmut Kohl löst den norddeutschen evangelischen sozialdemokratischen Ökonomen Helmut Schmidt ab. Der französisch katholisch-konservativ erzogene Historiker und Politologe François Mitterand trifft nun auf seinesgleichen und unterhält sich in der Person von Helmut Kohl beim Saumagen-Schmaus in Oggersheim – auch Mitterrand verspeist gerne Deftiges bis hin zu Ortolanen – schnell mit einem ehemaligen deutschen Flakhelfer, dessen älterer Bruder im Krieg gefallen war, über Kriegserlebnisse, bei denen er selbst bei Verdun als 24-Jähriger lebensgefährlich verwundet worden war. Nie wieder Krieg – keine Erbfeinde mehr – aber ein gemeinsames Europa! Aber auch keinen Kommunismus, obwohl in Mitterrands erster Regierung eine gewisse Zeit zwei Kommunisten sitzen. Als 1984 auf dem Schlachtfeld von Verdun während der Trauerfeier zum Gedenken an die vor sieben Jahrzehnte im Grande Guerre – dem Ersten Weltkrieg – vor dem Katafalk der hier umgekommenen Soldaten der 60-jährige ehemalige deutsche Flakhelfer des Zweiten Weltkrieges Helmut die Hand des sich seitwärts zu ihm ausstreckenden Armes des 74-jährigen ehemaligen französischen Unteroffiziers François ergreift, macht ein Händedruck den Willen und Wunsch zweier Freunde deutlich. Schnell trägt der südwestdeutsche konservative Machtmensch Kohl dem südwestfranzösischen sozialistischen Machtmenschen Mitterrand das Du an und sie fühlen sich wahrscheinlich emotional näher als die beiden sozialistischen Genossen-Freunde Willy Brandt und François Mitterrand, die sich wohl mit Vornamen anreden, aber wie in Norddeutschland und auch Frankreich gebräuchlich in der Sie-Form miteinander verkehren. Das Bild, das der schwarze «Riese» Helmut Kohl mit dem die Hand haltenden François Mitterrand abgibt, geht um die Welt und vermittelt tiefe Gefühle einer endlich zu Grabe getragenen Erbfeindschaft und gelebten dauerhaften Freundschaft. Vergleichbar höchstens mit der grossen menschlichen Geste des Kniefalls Willy Brands im Dezember 1970 in Warschau an der Gedenkstätte des unbekannten Soldaten als Ikone der Einsicht und Bitte um Verzeihung allen Leids gegenüber den Partnern Deutschlands im 0sten.

Diese Freundschaft ist es auch, die sich über den Krieg stellt und ihn verhindert. Aus der Ostpolitik Willy Brandts entsteht ein die Menschen diesseits und jenseits der Mauer erhoffter Dialog, aus der Freundschaft Helmut Kohls mit Michael Gorbatschow und mit Bush sen. fällt die Mauer. Dies nicht ohne den Willen zum Widerstand und zur finanziellen Ausreizung der Staatskommunisten des Ostens durch Ronald Reagan. Kein anderer als Willy Brandt hat als Regierender Berliner Bürgermeister so viel zur Verteidigung der Freiheit und anschliessend als Bundeskanzler und Friedensnobelpreisträger zum Abbau der Ängste – dem Wandel durch Annäherung – beigetragen. Kein anderer hatte einen auf Freundschaften und Machtkalkül beruhenden vergleichbaren Instinkt, Mut, Intelligenz, Tatkraft und Durchsetzungsvermögen wie Helmut Kohl.        

Was all dies mit Mitterrand, Dumas und Frankreich zu tun hat? Der Sündenfall Helmut Kohls bei der Parteispendenaffaire, für die er fast aus der Partei ausgeschlossen wird und die Angela Merkel als Trittbrett nutzt, hat hier seine Ursachen. Es gab keine Parteienspender wie Kohl behauptete – zumindest nicht so opferbereite deutsche Staatsbürger, die er durch sein Schweigen zu schützen vorgab. Das in Lichtenstein keine dreissig Kilometer von meinem Wohnort entfernte Treuhandbüro Batliner verwaltet(e) zumindest einen Teil der Millionenbeträge, die aus dem Leuna-Geschäft der Elf Aquitaine an die Insider Mitterrand inklusive politische Freunde sowie an Kohl inklusive politische Freunde geflossen sein müssen. Von da an ging alles ein wenig einfacher: Mitterrand bekam seinen Euro beispielsweise. Ich bezweifle, ob Mitterrand auch einen Willy Brandt so mit ins Boot holen hätte können. War dieser nicht schon moralisch erstaunt, dass man es Green Peace mit der Vernichtung der Rainbow Warrior gezeigt hatte?  Seine Gattin Brigitte Seebacher hatte sogar noch die Chuzpe, so etwas in ihrer Brandt-Biographie zu erwähnen.

Für Helmut Kohl und den Ruf der Partei selbst wäre es und ist es bis heute unmöglich, diese Wahrheiten zu sagen und zuzugeben:

«Nein, das Geld auf den entdeckten Schwarzgeldkontos stammt nicht aus einem Legat des Metzgermeisters XY, sondern ist eine durch eine mit den Vertragsparteien Treuhand und Elf Aquitaine vertraulich vereinbarte Prämie, Kommission, Bestechungssumme, Kick-back, Back-shish und/oder ein steuerfreier Zuschuss, den höchste politische Stellen inklusive Frau Däubler-Gmelin und der Bundestagsausschuss geprüft und nicht gesehen haben, nicht sehen wollten oder wegen des Einbezugs unantastbarer französischer Stellen  nicht sehen konnten. Dies ebensowenig wie bei den französischen Dumas- und Elf Aquitaine-Prozessen französische Strafverfolger wegen unantastbarer deutscher Geheimdienste. Letztlich hat er die deutsch-französische Freundschaft befördert ebenso wie das IFM etc.». 

Ergänzung am 22. Juni 2017: Helmut Kohl ist tot. In der Markus-Lanz-ZDF-Talksendung vom 20. Juni 2017 bestätigt der erfahrene Frankreich-Kenner Ulrich Wickert erstmals öffentlich diese von mir längst postulierte und ganz offensichtlich mit dem Leuna-Verkauf zusammenhängende Parteienfinanzierungs-These. Sein Hinweis wird jedoch angezweifelt und ohne Argumente abgewiegelt von Welt-Chefredakteur Stefan Aust, einst in gleicher Position beim «Spiegel», der das Vorhandensein dieser Schwarzen Kassen in zweistelliger Millionenhöhe und ihre Weisswäsche erläutert.

Über die Herkunft dieser immensen Beträge wisse man nichts Genaueres, und, so sah es aus, wollte er dem souverän bleibenden Kollegen Ulrich Wickert diesen Primeur nicht gönnen. Erst muss der europäische Staatsakt in Strassburg über die Bühne. Es gäbe dafür auch aus dieser Perspektive keinen besseren Ort.  

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SITUATION AM 15. SEPTEMBER 2017:

ICH WÄRE SEHR ÜBERRASCHT, WENN ES BEI ALAIN MAUROY EINE WIEDERAUFERSTEHUNG GÄBE. 

MIT DEN PROFESSOREN LAPPENKÜPER UND SEEBACHER SIND AUCH OFFIZIELLE HISTORIKERSTELLEN IM BILD. WIR HABEN GEMACHT, WAS WIR KONNTEN. 

SCHADE NUR, DASS ICH DIE ÖFFNUNG DIESER WAHRSCHEINLICH BIS 2045 GESCHLOSSENEN PRÄSIDENTIELLEN AKTEN NICHT MEHR SEHEN WERDE - SOWEIT SIE DANN NOCH UNFRISIERT WENN ÜBERHAUPT NOCH VORHANDEN SIND. 

ABER VIELLEICHT HAT ES IN DER ÜBERNÄCHSTEN  GENERATION JA JEMANDEN, DER SICH FÜR SO ETWAS EXOTISCHES INTERESSIERT.

Letzte Bearbeitung dieses Kapitels 15. Septemberi 2017 - seit 17. April 2017 keine Informationen mehr aus Frankreich.